leise

#2 leise – ein Zustand?

Editorial

Text: Emely Pieper – Bilder: Laura Klein

Pssst. Hier ist sie, unsere zweite Ausgabe von trotzdem.

Leise – das beschreibt einen akustischen Zustand, in dem nichts oder nur sehr wenig hörbar ist. Gar nichts? Gibt’s nicht. So richtig leise, das sind wir doch gar nicht mehr gewöhnt, oder wann hast du das letzte Mal deinem eigenen Puls gelauscht, Langeweile stillschweigend ausgehalten und dem Rauschen der Bäume zugehört?

Leise beschreibt mehr, als die bloße Abwesenheit von Geräusch. Das Wort ist viel lauter, als man nach dem ersten vorsichtigen Lauschen vermuten würde. Gerade deshalb schien leise so spannend. Weil wir mit trotzdem das vermeintliche Gegenteil sein wollen, nämlich alles andere als tonlos und kaum wahrnehmbar. Wir möchten laut, stark und unüberhörbar sein – trotzig halt.

In elf Beiträgen betrachten die trotzdem-Autorinnen in dieser Ausgabe unterschiedliche Ausprägungen von leise. Das kleine Wort leise hat eine ganze Flut an Themen und Fragen hervorgebracht.

Viele Inseln Schleswig-Holsteins gelten als Orte der Ruhe. Aber findet man diese dort wirklich? Und auf dem Festland – wie sieht es eigentlich in den Dörfern aus, in denen es vielleicht ungewollt immer ruhiger wird? Wenn es besonders leise um ein Thema ist, dann scheint jede*r, der oder die diese Stille durchbricht, umso lauter zu sprechen, besonders viel Gehör einzufordern. Aber wen oder was hören wir und wen hören wir nicht? Was wollen wir vielleicht gar nicht hören? Wer oder was findet kein Gehör? Und was wird dagegen unternommen, wenn durch das stetige Weghören immer wieder Menschenrechte verletzt werden? 

Und wie ist es mit all den Dingen, die leise geschehen, ohne dass es jemand mitbekommt? Wie kann es sein, dass gravierende Veränderungen unseres Ökosystems, wie das Verschwinden und Wiederkehren von Tierarten, quasi im stillen Wäldlein passieren? Oder hinter verschlossenen Türen. Tabuthemen bestimmen den Alltag vieler Menschen. Gesprochen wird deshalb aber noch lange nicht über häusliche und sexualisierte Gewalt. trotzdem-Autorin Marie hat Katharina Wulf, Geschäftsführerin des Landesverbandes Frauenberatung Schleswig-Holstein, dazu befragt.

Auch für unsere zweite Ausgabe haben wir natürlich wieder mit Menschen gesprochen: In einem Artikel zum schwellenden Konflikt zwischen sozialer und kultureller Linker stellt sich die Frage, welche Seite das „richtige” Leise vertritt, die „richtige” Gerechtigkeit gefunden hat. Dafür hat unsere Autorin Lea mit Sebastian Klauke von der Rosa Luxemburg Stiftung SH gesprochen. In Schleswig-Holstein hat fast jede Stadt, jede Uni, und jede Kommune so eine* Expert*in: Klimaschutzmanager*innen. Aber was sie eigentlich tun, wussten zumindest wir nicht so recht. Svenja ist dem auf den Grund gegangen und hat mit Julia Schirrmacher, Klimaschutzmanagerin der Region Flensburg gesprochen.

Außerdem gibt es dieses Mal eine Kollaboration, über die wir uns extrem laut freuen.

Die Illustratorin Donata Kindesperk, auf Instagram  finsterperk, hat einen Comic über Misophonie gezeichnet. Sie öffnet uns die Augen (und Ohren) für ,ganz normale’ Geräusche, die für die Ohren einiger Menschen ein Graus sind. Und dann haben wir noch eine Liste mit leisen Empfehlungen für dich vorbereitet, eine Art Mini-Feuilleton.

Wir haben das Thema leise sehr früh im Februar gewählt, ohne zu ahnen, dass 2020 so einiges still stehen würde. Ruhig ist es in den Klassenräumen und Hörsälen gewesen. Erst seit einigen Wochen ist es in den Restaurants und Kneipen in Flensburg wieder lauter. Auch die Kultur steht still. Lauter singen dafür die Vögel, als wäre jeden Tag Sonntag. Oder fällt uns das dieses Jahr vielleicht einfach nur besonders stark auf? 

Und wie ist die Stille so? Bedrückend oder wohltuend?

Das empfindet jede*r von uns anders. Vor allem, weil es schlichtweg nicht stimmt, dass es bei allen von uns durch Corona stiller wurde. In diesen Zeiten die Stille genießen zu können, ,Zeit für sich’ zu haben oder Entspannung zu erleben, das ist ein Privileg. Gleichzeitig wurden wichtige Themen, wie die extrem prekären Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte, häusliche Gewalt und die Notwendigkeit einer Umgestaltung unserer Wirtschaft endlich lauter. Bleibt zu hoffen, dass der Diskurs darüber nie wieder verstummt.

Zuletzt will ich dir noch ans Herz legen, gerne dein persönliches leise mit uns zu teilen. Lass doch einen Kommentar da oder schreib uns eine Nachricht, wir lieben den Austausch. Und übrigens, falls du neu bei trotzdem bist: Die Beiträge unserer Ausgaben erscheinen nacheinander und nicht alle auf einen Schlag. Außerdem ein herzliches Willkommen! 

Von redaktion

Die zwölfköpfige Redaktion ist soziokratisch organisiert und immer offen für neue Gesichter! Falls du also Lust hast, deinem Talent ein Medium zu geben: Schreib uns an moin@trotzdem-mag.de

Eine Antwort auf „#2 leise – ein Zustand?“

Schönes Thema, guter Artikel und wirklich sehr passend in der momentanen wirklich leiser gewordenen Pandemie-Zeit.
Leider wird es in unserem Land seit ein paar Wochen durch die Demonstrationen der Verschwörungstheoretiker ( unterstützt durch eine Partei zu deren Kultur das Brüllen gehört ) wieder sehr unangenehm laut.
Ich hoffe sie finden nur wenig „ Gehör“.

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