leise

Der Kampf ums Leise – Szenen in meinem Kopf

Text: Lea Pook – Bild: Matthias Bernhard @krawatty

Leise. Ich denke da erstmal an Entspannung und Ruhe. Leises Vogelzwitschern, leises Hummelbrummen, … Kitschig, idealisiert und schön.

Dann lese ich ein bisschen herum über das Thema und merke: Leise kann auch problematisch sein. Zum Beispiel, wenn jemand sprechen möchte, aber nicht darf oder niemand zuhört. Wenn jemand unterdrückt wird, sich ohnmächtig und nicht respektiert fühlt, weil er oder sie unter Diskriminierung, Ausschluss und Ungerechtigkeit leidet. Ich lerne: Diskriminierung produziert viele Leises.

Da die Normalität eher von denen gestaltet wird, die der Norm entsprechen und in ihr diejenigen ausgeschlossen sind, die als abweichend angesehen werden, werden einige Menschen viel weniger gehört als andere. Einige sind sichtbarer und haben mehr zu sagen, andere weniger. Die Wahrnehmungen und Erfahrungen der Leisen sind demnach weniger selbstverständlich und bekannt. Das klingt schrecklich, aber ist irgendwie nicht zu verleugnen. Um unsere Normalität aufzubrechen und das alles ein wenig gerechter zu gestalten, ist es daher plausibel, jenen zuzuhören, die öfter leise geschaltet sind, um zu lernen wie ihre Realitäten aussehen. Die Hoffnung ist, dass vieles gerechter wird, wenn nicht immer dieselben laut und die Anderen leise sind. Dann gibt es mehr Austausch und man kennt eine größere Bandbreite an Wahrheiten und Wirklichkeiten, auf deren Grundlage man Lösungen zum Beispiel für soziale und politische Probleme finden kann. Das sagt die Literatur.

Und soweit habe ich das verstanden: Normalität verändern, alles mal auf den Kopf drehen… Aber wie geht das konkret: Das Leise laut werden lassen? Wer ist gemeint? Und wie fängt man damit an?

© Matthias Bernhard @krawatty

Über diese Fragen nachdenkend, entfaltet sich in meinem Kopf plötzlich eine Arena – ein runder großer Ring, der aussieht wie ein altes Amphitheater.

Die Arena ist in schummriges Licht getaucht, darin befinden sich einige Menschen. Ich erkenne ein paar mir bekannte Gesichter. Verschiedene Menschen, die schon mal was zum Thema Leise geschrieben haben, stehen lose im Kreis. Viele murmeln vor sich hin.

Von der einen Seite löst sich plötzlich der US-amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said aus einem kleinen Grüppchen von Menschen, tritt in die Mitte der Arena und erhebt die Stimme:

„Ich möchte über Kolonialismus und seine vielen Leises reden. Denn der Westen hat sich über Jahrhunderte über den Rest der Welt gestellt, er hat sich selbst laut gemacht und alle anderen leise geschaltet! Er sieht sich getrennt von allen anderen Teilen der Welt und spricht dabei immer nur über die Anderen, nie mit ihnen. Aber er braucht sie doch. Er braucht die Anderen, die angeblich so dumm, primitiv und unfähig sind, um sich selbst als überlegen, kultiviert, rational und aufgeklärt zu definieren.

Ha!

Aber diese Erzählung ist eine Konstruktion! Sie dient vor allem der Rechtfertigung von Gewalt und Ausbeutung und um das Gefühl zu erhalten, dass es ok ist, wenn es anderen schlecht geht und man davon profitiert! Aber die Anderen wollen nicht mehr leise sein, sie wollen darüber mitbestimmen, was wir als unsere Realität definieren. Sie wollen sich nicht mehr anpassen und nach fremden Normen richten, sondern sich selbst definieren und damit anerkannt werden. All diese Leises müssen laut werden und als legitim betrachtet werden!“

© Matthias Bernhard @krawatty

Wie, die eigene Erzählung als Konstruktion entlarven? Was bleibt dann wohl noch übrig? Aber oh!

Slavoj Žižek, der aus Slowenien stammende Philosoph, tritt Said von der anderen Seite zügig entgegen und setzt zu einer eindringlichen und echauffierten Gegenrede an und äfft erst einmal nach:

»Leise, leise, leise… Er ist leise, sie ist leise, wir sind leise… Hört mir zu, nein, hört denen zu, …«

Ja, das mit dem Kolonialismus sehe ich durchaus ein, aber guck doch, was die Leute daraus machen. Diese sogenannten Linken haben mittlerweile einen richtigen Fetisch entwickelt, in ihrer Konzentration auf diese ganzen grotesken Minderheitenanliegen. Es geht denen nur noch um die Betonung ethnischer und sexueller Besonderheiten und Unterschiede. In jeder Gruppe entdecken sie mindestens drei neue Untergruppen, die unter noch mehr Diskriminierung leiden. Und die sollen alle in ihrer Besonderheit anerkannt werden. Aber dieser Multikulti-Wahn dient vor allem wem?

Tja! Dem globalen Kapitalismus!

Jeder „Lifestyle“, jedes Schaffen immer neuer Minderheiten, immer neuer Leises, wenn man so will, ist ein neuer Absatzmarkt. Der Kapitalismus kann sich an ALLE Kulturen und an jede noch so spezifische Forderung der vielen Leises anpassen. Und kritisieren kann man ihn dann auch nicht mehr, denn ER macht ja alles richtig. Ist das deren Vorstellung von linker Politik?“

Ähm, ich dachte, wir finden heraus, wer zu wenig Mitspracherecht hat und wem zugehört werden soll. Habe ich richtig verstanden, dass, wenn denen zugehört wird, die leise sind, der Kapitalismus kommt und daraus ein Geschäft macht? Und wer ist nochmal DER Kapitalismus?

„Leute, ich kann nicht fassen, dass ihr nicht gleich mich fragt“,

ruft die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser da schon empört und steht wild gestikulierend in der Mitte der Arena.

„Klar, ist das ein Problem: Statt Klasseninteressen konzentrieren wir uns auf immer kleinere Gruppeninteressen. Wir verstehen kulturelle Herrschaft als die schlimmste Ungerechtigkeit und nicht mehr materielle Ausbeutung. Und natürlich reicht es nicht, einzelne Besonderheiten anzuerkennen und zu respektieren, wenn dann dieses eine Leise, das andere Leise der materiellen Ungerechtigkeit verdeckt. Wenn wir nur noch für Anerkennung und nicht mehr für Umverteilung kämpfen und der Kapitalismus genau davon profitiert.“

Ich fühle mich immer unruhiger – wo sind denn mal ein Zettel und Stift, wenn man sie benötigt? – Ich brauche dringend eine grafische Darstellung von den ganzen Leises, die mir hier so entgegen prasseln.

Aber schon schreitet die aus Indien stammende US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak mit großen Schritten in die Mitte der Arena.

„Ihr europäischen ‚radikalen‘ Linken habt ein Arroganz-Problem. Ihr denkt immer noch, die Massen könnten sich vereinigen. Ihr wollt, dass wir den Blick auf die Differenzen hinter uns lassen und wieder gemeinsam für materielle Umverteilung kämpfen?

Aber WER wird denn im Namen von ‚Entwicklung‘ und ‚Fortschritt‘ ausgebeutet?

WER sichert den Erhalt der globalen Produktion und stellt Reichtum und Ressourcen für den Westen bereit? Es sind doch vor allem indigene Frauen im Globalen Süden, die doppelt ausgebeutet werden – vom neoliberalen UND vom patriarchalen System. Wie sollen die bitte für eine Umverteilung kämpfen, wenn niemand ihre Realitäten versteht und ihnen zuhört? Wenn euer Hören von eurer Macht, eurer Gewohnheit und von den Beschränkungen in euren Köpfen geprägt ist und ihr euch nur um euch selbst dreht?“

„Ich war noch gar nicht fertig!“,

empört sich Fraser.

„Mir geht es darum, dass gemeinsame Kämpfe möglich sein müssen –“,

Doch Spivak unterbricht sie und entgegnet:

„Kämpfe verbinden, da halte ich ehrlich gesagt wenig von. DIE Frauen sollen gemeinsam kämpfen. Wer sollen denn DIE Frauen sein? Wenn eine Akademikerin im Globalen Norden für ihre Anerkennung kämpft, bringt das einer indigenen Frau im Globalen Süden gar nichts. Die Frauen im Globalen Norden setzen sich selbst als Norm und vergessen darüber, dass das den anderen nicht hilft. Die kämpfen nicht für alle, die kämpfen nur für sich und schauen weiter auf die Anderen herab und deshalb müssen wir weiterhin darauf bestehen Differenzen zu benennen.

Punkt.“

© Matthias Bernhard @krawatty

Žižek nimmt die Sache sehr ernst. Er spuckt und gestikuliert wild:

„Ja ja, das ist schon klar, aber guck dir doch an, was aus dieser Differenz- und Anerkennungsdebatte geworden ist! Alle ruhen sich darauf aus, sich und andere nur noch als arme Opfer zu sehen. Hauptsache ich verletze niemanden und werde nicht verletzt. Hier muss man vorsichtig sein, das darf man lieber nicht sagen… Das ist Narzissmus! Die betonen allen gegenüber tolerant zu sein, aber worum es eigentlich geht, ist, sich nicht auseinanderzusetzen! Ich kann es nicht mehr hören.

Multikulturelle Gesellschaften, in denen jeder seine partikulare Wahrheit verkünden kann und darin nicht angetastet werden darf, sind schrecklich!

Eine solche Toleranz ist Entpolitisierung! Politische Positionen werden in unterschiedliche ,Lifestyles’ verwandelt, alle leben nebeneinander her, tutti toleranti, aber Konflikt und echte Differenzen aushalten kann niemand mehr. ‚Bleib auf Abstand‘ als oberstes Motto. Wo ist die Politik? Die Aushandlung? Wo sind die Überzeugungen, mit denen man sich zeigt und mit anderen aneinander stößt?“

Dafür, dass es angeblich keine Konflikte mehr gibt, ist es irgendwie ganz schön stressig hier… Ist mein Differenz-Lifestyle jetzt Schuld an einer Entpolitisierung der Gesellschaft? Sich verletzt und als Opfer fühlen ist gleich Narzissmus? Puh.. Langsam spüre ich Verzweiflung in mir aufsteigen.

Und die Arena wird irgendwie noch voller, in der Mitte ist immer weniger Platz – alles drängt und tummelt sich und alle werden immer aufgeregter.

„Aber wir müssen doch über partikulare Besonderheiten und individuelle Erfahrungen sprechen, um uns überhaupt erst über Dinge bewusst werden zu können! Dadurch erst merken wir, dass Ungerechtigkeiten, die uns einzeln widerfahren, vielleicht Teil von größeren Mustern sind“,

ruft da schon die deutsche Autorin Margarete Stokowski hinten aus der Ecke.

„Wir merken dadurch, dass nicht wir das Problem sind, sondern gesellschaftliche Machtstrukturen! Und erst dann kommt man doch auf die Idee, sich zu wehren! Weil man viele und nicht eins ist.“

Die deutsche Philosophin Svenja Flaßpöhler, schießt vor, als hätte sie nur drauf gewartet.

„Ich finde genau das undifferenziert, weil dabei alle Erfahrungen in einen Topf geworfen werden. Daraus wird dann eine gesellschaftliche Struktur gemacht wird, die in dieser Eindeutigkeit gar nicht existiert“,

beginnt sie zu wettern.

„Dabei besteht die Gefahr von Überreaktionen! Alle konzentrieren sich nur noch auf ihre Benachteiligung und sehen sich dabei als moralisch überlegen. Alle, die nicht zur eigenen Gruppe gehören, werden zu potenziellen Feinden, auf die man nicht mehr zugehen darf und kann.

Und was verlernt man dabei? Selbstkritisch sein! Das ist nicht emanzipatorisch, sondern ein ewiges Verharren in der Opferrolle. Autonomie ist nun mal anstrengend. Da muss man durch.“

„Das, was sie sagt!“,

höre ich Žižek beipflichten. Ob Flaßpöhler und er sich wohl gut verstehen würden?

„Außerdem müssen wir das global denken“,

mischt sich Spivak schon wieder ein.

„Wenn nun alle diskriminierten Gruppen hier im Globalen Norden für Anerkennung kämpfen, was passiert dann? Der Kampf der Marginalisierten im Globalen Süden wird verdeckt. Die wirklich Entrechteten sind wieder leise und die globale Ungerechtigkeit gerät aus den Augen! Das Politische darf nicht auf das Persönliche reduziert werden, wir müssen globale, materielle Gerechtigkeit im Blick behalten, darum geht’s.“

Wie jetzt, jedes Leise, das gehört wird, verdeckt ein anderes Leise? Überforderung! Gibt es denn das ultimative, das allerleiseste Leise? Die Aufregung in der Arena wird immer größer. Dafür, dass es um leise geht, ist es ganz schön laut in meinem Kopf.

© Matthias Bernhard @krawatty

Fraser hat sich mit Hilfe ihrer Ellbogen wieder nach vorne gedrängelt und ruft mit vor Anstrengung pfeifender Stimme:

„Aber Leute, das wissen wir alles seit den 90ern! Es ist doch offensichtlich: Keine der beiden Herangehensweisen ist ausreichend. Die Frage ist ja: Kann man zugleich die Anerkennung der Besonderheit und Differenz fördern und doch für die Gleichheit aller argumentieren? Ich denke, wir müssen! Wer ökonomisch benachteiligt ist, dem hilft Umverteilung. Wer sozial oder kulturell abgewertet wird, benötigt jedoch nicht ökonomische Umverteilung, sondern Anerkennung.“

Alle anderen winken ab, sie scheinen das schon tausendmal gehört zu haben.

„Ja, genau das sagst du seit den 90ern, wann kommt denn mal was Neues?“,

höre ich Žižek murmeln.

„Uuuuuund“,

schreit Fraser einfach noch lauter,

„beide Forderungen stehen eben in einem Spannungsverhältnis und bedingen sich gegenseitig. Menschen in den Kategorien Gender und Race leiden sowohl unter kultureller als auch unter ökonomischer Ungerechtigkeit. Sie benötigen Anerkennung EBENSOSEHR wie Umverteilung. Sie müssen einerseits ihre Besonderheit geltend machen und sie andererseits verleugnen, um sich zusammenzuschließen. Deshalb müssen wir die Kämpfe VERKNÜPFEN! Es geht darum, immer mehr als einen Ball in der Luft zu halten!“

Fraser atmet schwer.

 „Aber in der Arena sind ja sowieso nur Menschen, die im Globalen Norden leben, die wirklich Marginalisierten kommen wieder nicht zu Gehör, es wird nur über sie gesprochen!“,

kreischt eine Stimme aus dem Hintergrund. Spivak keift zurück:

„Ja, wenn sie gehört werden könnten, dann hätten wir ja kein Problem, tss..“

Ich sehe nun auch noch meinen alten Schulkamerad Hauke mit lässiger Haltung in der Arena auftauchen. Mein Herz rutscht mir in die Hose. Nicht der auch noch! Er guckt auf die streitenden Theoretiker*innen und schaut mir erschreckenderweise direkt aus der Arena in meinem Kopf in die Augen und sagt:

„Findest du nicht, dass ihr ganzen Linken [er spricht das Wort mit einigem Ekel aus] eigentlich nur eine andere Form von Verschwörungstheoretikern seid, die nicht erwachsen werden wollen? Und deshalb erdenkt ihr hochtrabende ‚sozial-motivierte‘ Nonsens-Theorien, die gut klingen, aber realitätsfremd sind, nur um immer alles blöd finden zu können wie pubertierende Kinder?“

Wieso denn ‚ihr Linken‘, frage ich mich beleidigt, als ich bemerke, dass das hier noch nicht alles war und es immer noch schlimmer kommen kann…

„Ja, also da würde ich dann auch noch was zu sagen“,

schaltet sich eine befreundete Psychoanalytikerin ein. Ich denke noch: Nein, nein, bitte nein, aber es ist zu spät. Auch sie schaut mich an und ergänzt milde lächelnd, als spräche sie mit einem Kind:

„Theorie ist nicht Praxis, das weißt du schon, oder? Man muss auch MACHEN. In der Theorie hängen bleiben, hilft niemandem. Nebenbei bemerkt, leidet ihr vermutlich alle an Größenwahn, ich würde auf jeden Fall eine mehrjährige Psychoanalyse empfehlen.“

Spivak hat das mitbekommen und prustet die beiden an:

„Vielleicht wollt ihr euch auch einfach nicht hinterfragen, weil es euch gefällt, dass alles bleibt wie zuvor. Ihr profitiert ja nun am meisten von dem Status-Quo, hm?“

„Das, was sie sagt“,

höre ich noch von Stokowski schnippisch in meinen Ohren…

Und da gebe ich auf. Mit hängendem Kopf und ausgelaugt starre ich in die Arena in meinem Kopf und habe das Gefühl kein Stück weiter gekommen zu sein… Wer ist denn nun leise? Und wieso kann es nicht eine Antwort geben, wieso können die sich nicht einfach einigen?

Ich ertappe mich beim Wunsch, ich hätte keine Geisteswissenschaften studiert. Es scheint doch ziemlich bedenklich, jemanden wie mich mit dem reduktionistischen Brüten über verschiedenen Theoriefetzen allein zu lassen. Ich glaube, ich habe mich gerade selbst ins Knock-Out manövriert.

© Matthias Bernhard @krawatty

Aber dann reiße ich mich zusammen und versuche konstruktiv zu denken: Liegt nicht gerade in der Aushandlung um die vielen Leises einfach mehr, als nur das Ziel den einen richtigen Ansatzpunkt zu finden? Ich suche in den Theorien nach eindeutigen Antworten, die aber kann es nicht geben, vor allem nicht bei Themen, in denen so viel Leid steckt. Wenn Verletzungen und Konflikt aufeinandertreffen, ist es immer schwierig, wirr und undurchsichtig. Vielleicht liegt also die Erkenntnis darin, dass es keinen einfachen Weg geben kann, weil wir in keiner einfachen Welt leben. Dafür ist es sehr nützlich zu lernen, dass Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten eine Grundzutat von allem sind – Eindeutigkeit adé… Alles ist komplex und verwirrend und widersprüchlich und der Kampf um das Leise ist nun mal keine Sachdebatte, sondern ein Machtkampf, in dem psychologische, soziale, politische und ökonomische Interessen eine Rolle spielen. Und jedes Leise, das laut wird, bedeutet auch eine Änderung der sozialen Ordnung. Einige haben danach mehr, aber andere ziemlich sicher weniger. Und so spiegelt die Suche nach dem Leisen vielleicht den Kern von demokratischen Aushandlungen um mehr Gerechtigkeit wider.

Wie genau das Leise laut werden kann, weiß ich noch immer nicht. Aber ich versuche die Verwirrung, in die die verschiedenen Denkweisen mich stürzen, nicht nur zu verteufeln, sondern als Herausforderung anzusehen. Denn mit denen da oben ist ja noch lange nicht alles gesagt  – und ein bisschen neugierig bin ich schon …

Ich werfe einen letzten Blick in die Arena in meinem Kopf und sehe, dass die Diskussion noch in vollem Gange ist. Es scheint ihnen Spaß zu machen. Aber ich spüre eine Sehnsucht nach innerer Stille und denke daran, dass man ja auch mal Pause machen soll. Ich nehme mir vor, die Suche nach meinem mentalen Mute-Knopf ernster zu nehmen. Bis dahin öffne ich YouTube und tippe ein: Vogelzwitschern und Hummelbrummen.

Was das mit leise zu tun hat:

So oft, wie das Wort in dem Artikel vorkommt, ist es mir fast peinlich, das noch einmal zu betonen. Aber es wird klar: leise steht hier für Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht. Wer leise ist und nicht gehört wird, kann ausgebeutet und benutzt werden und kann sich nicht wehren. Die Frage danach, wer als leise definiert wird, also wem zugesprochen wird, ungerecht behandelt zu werden, bestimmt Handlungen und Engagement, aber auch politische Programme, Entscheidungen und Gesetze. Die Frage nach dem Leise ist also zentral für Demokratien.

Literaturempfehlungen:
  • Einleitung:
    Miranda Fricker: Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing.
    und: Donna Haraway: Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective.
  • Gayatri Spivak: Can the Subaltern Speak?
  • Slavoj Žižek: Ein Plädoyer für die Intoleranz.
  • Nancy Fraser: Die halbierte Gerechtigkeit. Schlüsselbegriffe des postindustriellen Sozialstaats.
  • Edward Said: Orientalismus.
  • Margarete Stokowski: Untenrum frei.
  • Svenja Flaßpöhler: Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit.

Von lea

Lea steht mega auf Hunde, spontane nächtliche Frisurenwechsel und echte Ehrlichkeit.
Sie interessiert sich, laut eigener Aussage, „für zu viele Dinge“. Um mögliche kognitiven Dissonanzen abzumildern und im Idealfall auch noch die meisten globalen Probleme zu lösen, wünscht sie sich manchmal, dass alles kleiner, regionaler und langsamer wird: Schleswig-Holstein ist da genau der richtige Ort. Außerdem kann man hier gleichzeitig im Wald und am Meer sein. Und das ist für Lea Luxus pur!

Eine Antwort auf „Der Kampf ums Leise – Szenen in meinem Kopf“

[…] immer ruhiger wird? Wenn es besonders leise um ein Thema ist, dann scheint jede*r, der oder die diese Stille durchbricht, umso lauter zu sprechen, besonders viel Gehör einzufordern. Aber wen oder was hören wir und wen hören wir nicht? Was wollen wir vielleicht gar nicht hören? […]

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