MDZ

Der Monatliche Dreizeiler im Februar über Königinnen, klischeelose Blicke gen Osten und Zukunft(s)gestalten 2021

Titelbild & Zusammenstellung: Emely Pieper

Einmal im Monat präsentieren wir im Monatlichen Dreizeiler, was uns in letzter Zeit inspiriert oder geschockt hat. Das was augenöffnend war. Außerdem sammeln wir für den neuen Monat immer mal das, was noch kommt: Interessante Veranstaltungen oder Aktionen zu Feminismus, Nachhaltigkeit und Transformation in Schleswig-Holstein.

Der Februar sieht dieses Jahr im Kalender besonders schön aus, denn er beginnt an einem Montag und endet an einem Sonntag. Damit der Monat auch sonst gut wird, haben dir Marie und Emma was zum Lesen mitgebracht. Marie berichtet von Queenie, dem Buch, das sie nicht weglegen konnte und das positiven Schlafmangel verursachte. Mit Emmas Tipp ist ein sozialistisches Magazin dabei. Damit der Monat direkt spannend beginnt, verrät dir Svenja alles was du über die dritte Zukunft(s)gestalten Konferenz wissen solltest und sie hat dir gleich drei trotzige Programmpunkte herausgesucht.

Die Königin meiner Winternächte

— Marie über den Roman „Queenie“ von Candice Carty-Williams
Marie fühlt sich bei Regen und Wind oft am lebendigsten. Die Bandbreite der großen und kleinen Themen des Lebens, die sie beschäftigten, ist genauso weit wie der nordische Horizont.

Zum Glück habe ich mir keine Vorsätze für das Jahr 2021 gesetzt – sonst hätte ich mir bestimmt in den Nächten der ersten Januarwochen verbieten müssen mich von dem Roman „Queenie“ wachhalten zu lassen. Das Buch saugt mich ein und ich verliere jeglichen vernünftigen Umgang mit Schlafenszeiten.

Auf den ersten Blick mutet die, von Candice Carty-Williams beschriebene, Queenie und ihre Lebenswelt gar nicht als so besonders an: Queenie steckt gerade in einer verwirrenden Beziehungspause, schläft sich durch – einigermaßen selbstzerstörerische – OKCupid Dates. Ihr Flirt mit einem Arbeitskollegen endet abrupt nach dem Sex auf der Be_hindertentoilette ihres Büros. (Bevor hier jemand die Nase rümpft: Yay, zu sexueller Selbstbestimmung von Frauen!) 

Allerdings ist die Erzählung vielfach nuancierter. Denn Queenie ist Schwarz, was nicht als Besonderheit dargestellt wird und erst recht nicht als einziges Merkmal, aber dennoch ihr Erleben prägt: In der Beziehung mit ihrem weißen Ex, im Umgang mit ihren psychologischen Problemen, bei dem Versuch, Black Lives Matter-Themen bei der Zeitung einzubringen, bei der sie arbeitet.

Die Vielschichtigkeit Queenies macht zugleich auch deutlich, dass es viel zu kurz greift, Schwarze Menschen auf ihr Schwarzsein zu reduzieren. Mehrdimensionalität und Ambiguität wird Menschen, die als Minderheiten benannt und konstruiert werden, immer wieder aberkannt. Wenn dir hier jetzt der Kopf schwirrt lohnt sich noch mal ein Blick in das großartige, und schon von Laura vorgestellte, Buch „Sprache und Sein“ von Kübra Gümüşay (die übrigens auch Teil eines Podiums bei der Konferenz “zukunftsgestalten” sein wird, von der Svenja weiter unten berichtet). Zugleich nimmt das Schwarzsein eine große Rolle ein – allerdings vorrangig wegen jener rassistischer und diskriminierender Vorstellungen und Zuschreibungen.

Was als erfrischendes Gefühl bleibt: Die Selbstverständlichkeit, mit der Candice Carty-Williams von Queenies Leben schreibt und dabei ihr und sich selbst den dafür Raum gibt. Denn wenn wir die Wahrnehmung unserer Gesellschaft ändern wollen, können wir das nur, wenn wir verschiedene Blickwinkel einnehmen und uns von der vorherrschenden Perspektive – i.d.R. also der Perspektive weißer Männer – verabschieden. Dabei müssen wir nicht immer alles verstehen, was wir lesen oder sehen. Denn erst so wird uns deutlich, was wir noch nicht wissen und wo wir an unserer privilegierten Ahnungslosigkeit und Ignoranz arbeiten müssen.

Englisch: Candice Carty-Williams, Queenie, Trapeze, 2019, ISBN: 978-1409180050

Deutsch: Candice Carty-Williams, Queenie, Blumenbar Verlag, 2020, ISBN: 978-3351050863

Klischeelos in den Osten geblickt

— Emma hat die aktuelle Ausgabe des Jacobin Magazins gelesen
Emma fühlt sich auf ihren eigenen beiden Beinen am wohlsten. Wenn nur der Weg zur Arbeit kürzer wär…

Weil die Zeiten es erfordern, zuerst einmal ein Funfact: Es gibt im Osten des Landes eine Institution, die sich Brandenburger Wolfsmanagement nennt. Was witzig klingt, ist eine ernste Angelegenheit, geht es dabei weniger um die Anleitung von Wolfsrudeln, sondern vielmehr darum, den Schäfer*innen und Viehhalter*innen ihre Sorgen und Ängste zu nehmen. Es geht um Verständigung und  Entgegenkommen – und darum, für die eigene Position zu werben, ohne andere ungehört zu lassen. 

Mehr zum Wolfsmanagement könnte ihr im Jacobin lesen. Die dritte und neueste Ausgabe des sozialistischen Magazins trägt den Titel „Ost New Deal“ und der Artikel ist  programmatisch, denn wenn es um Ostdeutschland geht, geht es ja irgendwie immer ums Annähern und gegenseitige Verstehen. Dabei werden abgenutzte Klischees über ‘den’ Osten beiseite gelassen: Die Chefredakteurin Ines Schwerdtner schreibt, dass es nicht mehr genügt, aus der eigenen Ostidentität Artikel zu stricken. Damit würde bestehenden Widersprüchlichkeiten nicht Rechnung getragen.  

Die DDR ist zwar Ausgangspunkt der Ausgabe, aber es bleibt nicht bei einer reinen Vergangenheitsschau, sondern geht vorrangig um die Zukunft. In zwei Artikeln wird die Möglichkeit eines gleichermaßen sozialen und ökologischen Green New Deal für Ostdeutschland dargestellt: Mit Energieparks in Bürgerhand sowie sicheren, gut bezahlten Arbeitsplätzen. Denn, so die These, Ostdeutsche wissen, wie man improvisiert und zusammenarbeitet, wie man sich aufrappelt und anpackt. Das sollte in der zukünftigen ostdeutschen Energiewende mitgedacht und nicht einfach (mal wieder) übersehen werden. 

Der deutschsprachige Jacobin erscheint seit Mai 2020. Das Printmagazin ist ein Ableger des amerikanischen Jacobin*, der in den USA durch den Wahlkampf Bernie Sanders sehr bekannt geworden ist. Die deutschen Magazinmacher*innen verstehen ihren Jacobin jedoch nicht als „bloße Kopie, sondern Übersetzung im doppelten Sinn: eigenständige Aneignung des Jacobin-Stils für unsere eigenen Beiträge, plus sprachliche Übertragung von bestehendem, großartigen Material aus der US-amerikanischen Ausgabe“. 

Den eigenen Ansprüchen werden die Macher*innen des Heftes mindestens in der derzeitigen Ausgabe gerecht, denn der deutsche Osten ist wahrlich kein amerikanisches Thema. 

Ein bisschen Kritik gibt es dennoch: Mir fehlt ein angemessener Kulturteil! Während in der vergangenen (zweiten) Ausgabe noch Belletristik besprochen wurde, ging es diesmal auf einer Doppelseite um Klassiker der Ostküche auf westdeutschen Tellern und das nicht mal mit einem ordentlichen Rezept. Irgendwie verstehe ich die Motivation dahinter nicht?

Was mir gut gefällt am Magazin: Hier wird die sozialistische Ausgangsposition offengelegt und Klasse als Kategorie nicht einfach vergessen. Zudem ist das Magazin ziemlich cool und schön anzusehen. Das Cover der derzeitigen Ausgabe würde ich mir sofort gerahmt übers Bett hängen.

Hier kommt ihr zur Webseite des deutschsprachigen Jacobin –  und könnt dort viele Artikel direkt nachlesen: www.jacobin.de. Außerdem gibt es einen Onlineshop.

Ich habe meine Ausgabe in einer Buchhandlung um die Ecke gekauft, vielleicht lohnt sich also auch ein Blick in die Buchhandlung eures Vertrauens?

*Der Titel des Magazins bezieht sich übrigens auf den haitischen Freiheitskämpfer Francois-Dominique Toussaint Louverture (1743–1803), der als ‚der schwarze Jacobiner‘ in die Geschichte eingegangen ist.

Zukunft(s)gestalten 2021 – Es wird einmal…

— Svenja verkündet eine Tradition
Svenja mag Bibliotheken
und Sonnenblumen.
Sie schreibt gerne,
da sie selber am
Lesen schätzt neue
Perspektiven kennen
zu lernen und Dinge
aus anderen
Lebenswelten
erfahren zu können.

Wie viele Male muss sich eigentlich etwas wiederholen, damit es zu einer Tradition wird? Die Konferenz “zukunftsgestalten” der Transformationsstudierenden der Europa-Universität Flensburg findet zwar vom 02. bis 05. Februar 2021 erst zum dritten Mal statt, hat jedoch echtes Potenzial eine feste Institution im Norden zu werden. An vier Tagen bietet die Veranstaltung eine Mischung aus wissenschaftlichen Kurzvorträgen, Workshops, Poetry Slam und Diskussionsrunden mit politischen Gäst*innen – zusammengehalten wird das Programm von der Frage, wie eine zukunftsfähige Gesellschaft im Großen wie im Kleinen aussehen kann. Und das alles ist für Besucher*innen kostenlos.

Nicht nur inhaltlich dreht sich bei der Konferenz alles um Wandel, auch die Veranstaltung selbst verändert sich von Jahr zu Jahr: Der erste Jahrgang hat den Titel zukunft(s)gestalten geprägt, der zweite Durchgang hat ein Logo hinzugefügt, sowie das Programm erweitert und in Runde Drei wird durch Corona alles nochmal anders. 

Statt sich von der aktuellen Situation verunsichern zu lassen, haben sich den Organisator*innen neue Möglichkeiten eröffnet. Pressesprecherin Friederike Kohlrautz erzählt: “So lässt es das digitale Format zu, dass wir Gäste gewinnen konnten, die aufgrund der räumlichen Distanz an einer analogen Konferenz vermutlich nicht teilgenommen hätten.” Die Liste kann sich in der Tat sehen lassen und strotzt nur so vor Menschen, die in ihrem Alltag den aktuellen Ungerechtigkeiten trotzen. Eingeladen sind u.a. die Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtags Aminata Touré, die Journalistin und Bestellerautorin Kübra Gümüşay (ihr Buch Sprache und Sein hat Laura im MDZ rezensiert), Bildungsreferent, Queer-Aktivist und Polittunte Stephan Baglikow aka. Lana del Gay sowie die Philosophin Eva von Redecker. 

Wir haben das Programm für euch gelesen (gibts auf der Webseite) und unsere drei Favoriten mit der richtigen Portion Trotz rausgesucht:
  1. Zwischen Radikalität und Aushandlung: Die Klimabewegung im Spannungsfeld von gelebter Utopie und gesamtgesellschaftlichem Wandel
    Dienstag, 02.02.2021 ab 18.00 Uhr
    Diskussionsrunde mit Aminata Touré, Charlotte Stenzel, Hanna Poddig, Prof. Dr. Stefan C. Aykut, Moderation: Rafaela Elsler
  2. Fermentation and further – ein Workshop (mit ANMELDUNG!)
    Mittwoch, 03.02.2021, 15.30 – 17.30 Uhr
    Linda Mensinger & Nelia Häuser vom AckerEnsemble
  3. Es wird einmal…queer – Konzert*Performance*Show
    Donnerstag, 04.02.2021, 20.15 – 22.00 Uhr

Wir von trotzdem sind übrigens eingeladen worden, unsere Redaktion und das trotzdem mag im Rahmen der Konferenz als erfolgreiches Projekt vorzustellen. Das ehrt uns sehr!

Rahmendaten der Veranstaltung:
zukunftsgestalten 2021 – Es war einmal
Online-Konferenz vom 02.02. – 05.02.2021
zukunftsgestalten-flensburg.de

Disclaimer: Die meisten Mitglieder in unserer Redaktion sind ebenfalls Trafos, d.h. wir studieren oder haben Transformationsstudien studiert und in den vergangenen Jahren selbst die Konferenz mit ausgerichtet. Einige unserer Beiträge gibts übrigens auch hier bei trotzdem zu lesen: Zukunft(s)gestalten Archiv. 

Von redaktion

Die zwölfköpfige Redaktion ist soziokratisch organisiert und immer offen für neue Gesichter! Falls du also Lust hast, deinem Talent ein Medium zu geben: Schreib uns an moin@trotzdem-mag.de

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