MDZ

Der Monatliche Dreizeiler mal anders: Frisch aus dem trotzdem Bücherregal

Titelbild & zusammengestellt von Emely – Fotos von der Redaktion

Normalerweise präsentieren wir einmal im Monat im Monatlichen Dreizeiler, was uns in letzter Zeit inspiriert oder geschockt hat. Das was augenöffnend war. Und wir stellen Veranstaltungen oder Aktionen in Schleswig-Holstein vor. Diesmal ist es etwas anders: Durch die seit November geltenden Corona-Maßnahmen konnte der MDZ für diesen Monat die Redaktion nicht so verlassen, wie wir ihn uns gewünscht hätten. Das war für uns als Redaktion trotzdem augenöffnend. Denn wir mussten reagieren. Deshalb haben wir spontan beschlossen, einfach das zu machen, worauf wir Lust haben.

Wenig überraschend – die trotznasen sind ziemliche Leseratten. In dieser Sonderausgabe des Monatlichen Dreizeilers schreiben wir also über das, was uns dieses Jahr in der Welt der Bücher begegnet ist und einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Herausgekommen ist eine wilde Mischung.

Love is as love does

Marie über das erzählende Sachbuch „All About Love“ von bell hooks
Marie fühlt sich bei Regen und Wind oft am lebendigsten. Die Bandbreite der großen und kleinen Themen des Lebens, die sie beschäftigten, ist genauso weit wie der nordische Horizont.

Ich habe lange nicht so viel gelesen wie dieses Jahr – und dann auch noch (fast) nur gute Bücher! Da fällt die Entscheidung schwer. Also ziehe ich den Empfehlungs- und Geschenk-Indikator heran und so gibt es doch eine klare Siegerin: ‚All About Love‘ von bell hooks. Kein Buch habe ich dieses Jahr mehr Menschen aufgedrängt. Wenigstens haben sie alle es als Bereicherung empfunden. Oder zumindest so getan.

Das Buch kratzt ganz schön am allgegenwärtigen Liebesverständnis: Liebe als Gefühl, das passiert, so da ist – oder auch irgendwann nicht mehr da ist. Nimmt einen ja irgendwie auch aus der Verantwortung. 

bell hooks überzeugt mich mit ihrer Auffassung von Liebe als Handlung statt eines reinen Gefühls – ‚to love‘ statt ‚to fall in love‘. Der große Unterschied: für eine Handlung kann ich Verantwortung übernehmen, ich kann sie steuern. Zu lieben bedeutet dann einen anderen Menschen in ihrem*seinen Wachstum zu unterstützen, offen und ehrlich Zuneigung, Sorge, Verantwortung, Respekt, Verbindlichkeit, Einsatz und Vertrauen auszudrücken. Es sind diese Handlungen, die Gefühle hervorbringen, gestalten und aufrechterhalten können: „love is as love does“.

Das ist aber gerade mal der Anfang des Buches. In den darauffolgenden Kapiteln geht bell hooks auf die ganzen (Un-)Wegbarkeiten der Liebe ein, spricht über Freundschaften, Gemeinschaften und Romanzen, aber auch über den Einfluss des Gesellschaftssystems auf die Liebe. Denn wer gierig und selbstbezogen ist (und genau das schärft uns das kapitalistische System ja ein) kümmert sich nicht mehr um das Gemeinwohl und verliert die Verbindung zur Gemeinschaft. Gier erstickt Liebe. Und so appelliert bell hooks: „Living simply makes loving simple”. So einfach könnte es also sein.

bell hooks, All About Love: New Visions, Harper, 2000 (Erstveröffentlichung), ISBN: 978-0-06-095947-0

Japanische Perspektiven auf Weiblichkeit und Mutterschaft

Emma fühlt sich auf ihren eigenen beiden Beinen am wohlsten. Wenn nur der Weg zur Arbeit kürzer wär…
Emma über das Buch „Brüste und Eier” von Mieko Kawakami

„Lassen Sie sich nicht vom Cover abschrecken“, sagte die Buchhändlerin vergangene Woche. Das gebe ich gerne weiter und möchte hinzufügen: Lasst euch ebenfalls nicht vom Titel abschrecken, der sehr viel reißerischer klingt, als der Roman dann tatsächlich ist. Ja, natürlich geht es um Sexualität, aber die Perspektive, die Mieko Kawakami ihre Protagonistin einnehmen lässt, ist eine fein beobachtende, fast schon distanzierte: 

Die Japanerin Natsuko Natsume beschreibt nüchtern die Beziehung zwischen ihrer Schwester Makiko und deren Tochter Midoriko. Die beiden kommen sie im Hochsommer in Tokyo besuchen. Makiko ist besessen davon, ihren Körper mithilfe einer Brustvergrößerung dem Verfall ihrer Weiblichkeit zu entziehen. Midoriko hingegen befindet sich an der Schwelle zur Pubertät und findet alle  Veränderungen des Körpers abstoßend, ebenso wie ihre Mutter.

Cut! Der Roman beinhaltet zwei Teile, nur lose verbunden – durch die Frage nach Weiblichkeit und Mutterschaft. (Es ist fast, als würde man zwei Bücher lesen, anstelle von einem. Ziemlich interessante Form!)

Erst im zweiten Teil der Erzählung, fast zehn Jahre später, wird die asexuelle Natsume tatsächlich zur Handelnden. Ihre inneren Sehnsüchte und Ängste treiben sie an: Natsume ist inzwischen Ende dreißig und setzt sich intensiv mit ihrem immer stärker werdenden Kinderwunsch auseinander. 

„In den Blogs zum Thema Kinderwunsch wurde mal weniger und mal mehr gepostet. Dessen ungeachtet erblickten zahllose Kinder das Licht der Welt. Immer gab es irgendwo Leute, deren Leben sich veränderte, deren Gefühle sich veränderten, die ein neues Leben begannen. Nur bei mir änderte sich nichts. Wie gelähmt stellte ich fest, dass der Zug anscheinend ohne mich abgefahren war.“

Ihr bleibt eigentlich nur die Samenspende, aber ist das legitim?

Der Roman hat mich eingesogen. Ich habe keine Ahnung von Japan und konnte mich, ebenso wie Midoriko, von der verwirrenden Mixtur aus Befangenheit allem Intimen gegenüber und der gleichzeitigen ständigen Sexualisierung des weiblichen Körpers fesseln lassen. Außerdem ist mir bisher noch nie bewusst ein*e asexuelle*r Protagonist begegnet – eine Perspektive, die Fragen und neue Realitäten auswirft. Ebenso wie das Thema der anonymen Samenspende, dessen Komplexität keine klare Antwort zulässt. 

Mieko Kawakami, Brüste und Eier, DuMont Verlag, 2020, ISBN 978-3-8321-8373-8

Wenn Klischees aufeinander prallen: Von Feminist*innen und alten, weißen Männern

Bei Ungerechtigkeiten aller Art, Angeber*innen und falschen Kommas steigt sogar unserer diplomatischsten Trotznase, Lisa, das Blut in den Kopf.
Lisa über das Buch „Alte, weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch” von Sophie Passmann

Neben dem vielen Lesen von wissenschaftlicher Literatur für die Masterarbeit und stundenlangem Am-Schreibtisch-Sitzen (Hallo Home-Office), habe ich Hörbücher für mich wiederentdeckt. Ich gehe gern mit einer Geschichte auf den Ohren spazieren oder koche. Und das Aufräumen geht mit guter Unterhaltung viel schneller! Auch abends zum Einschlafen kann ich Hörbücher empfehlen, besonders wenn man – wie ich – in gemütlicher Sitzposition sofort einschläft und so beim Lesen jeden Abend mit der gleichen Seite von vorn anfängt. Folgendes Buch habe ich also gehört und nicht gelesen.

Das (Hör-)Buch von der Autorin und Moderatorin Sophie Passmann „Alte, weiße Männer“ beschäftigt sich mit eben diesen. Genauer gesagt mit dem Klischee des alten, weißen Mannes, der immer wieder in den Medien auftaucht, Schuld ist am Patriachat und der immer noch fehlenden Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft: Alt (in alten Rollenklischees verhaftet), weiß (privilegiert) und männlich (mächtig). Das perfekte “Feindbild” für eine junge Netz-Feministin  – das Wort wurde Passman von so manchen Männern  als Beleidigung um die Ohren gehauen. Die einen verdrehen nun sicherlich entnervt die Augen vor so viel Klischee, die anderen werden heftig nicken. Doch reine Stereotype zu reproduzieren, das ist Passmann  zu platt. Sie sucht lieber den Dialog. Dafür hat sie Gespräche geführt mit 15 Männern in machtvollen Positionen und sie gefragt: „Sind Sie ein alter, weißer Mann? Und wenn ja, warum?“

Passmann gelingt es sehr gut, die Stimmung dieser Gespräche in ihrem Buch einzufangen und offen und mit ehrlicher Neugier an die Männer heranzutreten. Feminismus kann – gerade wenn man es mit Männern bespricht – ein schweres Thema sein, so auf jeden Fall meine Erfahrung. Passmann schafft es mit ihrer scharfsinnigen Beobachtung und  sarkastischem Witz, das Thema nicht schwerfällig werden zu lassen. Sie liest das Hörbuch selbst und man hört ihr gern zu bei ihrem Austausch mit den mehr oder weniger alten, weißen Männern, die sich mal gar nicht mit Feminismus anfreunden können, sich mal schwer damit tun, sich selbst als Feministen zu bezeichnen, und mal als Feministen an der Seite von Passmann stehen. Besonders auffällig ist, dass viele Männer mit dem Wort Feminismus an sich ein Problem haben, inhaltlich aber auf einer Wellenlänge mit Passmann sind. Interessant fand ich immer das Thema Frauenquote. Überraschend war hingegen das Gespräch mit Rainer Langhans (what the f***).

Das Buch liefert in humorvoller Weise, ohne den Ernst der Lage zu verkennen, ein Stimmungsbild davon, wie Männer in Deutschland zu Feminismus, der Frauenquote und gleicher Entlohnung für gleiche Arbeit stehen. Man kann anmerken, dass hier wieder einmal nur Männer zu Wort kommen. Damit sich die Gleichberechtigung der Geschlechter durchsetzt, braucht es meiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit allen Geschlechtern, hier eben den Männern. Durch ihre teils ironische Reflexion der Gespräche gelingt es Passmann zum Glück  ganz hervorragend die echten alten, weißen Männer auch als solche zu entlarven und die Debatte über Feminismus in Deutschland am Laufen zu halten.

Sophie Passmann, Alte, weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch, KiWi-Taschenbuch (Hörbuch: Tacheles!), 2019, ISBN: 978-3-462-05246-6.

Liebe an schrecklichen Orten finden. Ist das möglich?

Anna liest sehr
gerne Bücher,
außerdem mag sie
Filme und Konzerte.
Sie macht sich viele
Gedanken, um
die Welt und was in
ihr passiert. Um
Antworten auf ihre
Fragen zu finden,
schreibt sie über
Hintergründe und
Zusammenhänge –
insbesondere über
Gerechtigkeits- und
Naturthemen.
Anna D. über die beiden Romane „The tattooist of Auschwitz” und „Cilka’s Journey” von Heather Morris

Ich habe dieses Jahr gleich zwei sehr berührende Romane von der Autorin Heather Morris gelesen. In dem einen findet sich meines Erachtens nach, eine der schönsten Liebesgeschichten, die je erzählt wurden und in dem zweiten geht es um das schwere Schicksal einer jungen Frau, die nicht aufgibt.

Beide Bücher basieren auf einer wahren Geschichte und entstanden durch Recherchen, Interviews mit und Erzählungen von Lale Sokolov, der Hauptperson des ersten Buches. Auch wenn die Geschichten beider Bücher miteinander verbunden sind, so bauen sie nicht unmittelbar aufeinander auf und können getrennt voneinander gelesen werden.

In „The tattooist of Auschwitz“ geht es um den Mann, der zur Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten, vielen Menschen in Auschwitz die Nummer auf den Arm tätowiert hat. Auch er ist einer der Gefangen, doch hat er aufgrund seiner Position einige Privilegien, die er nutzt, um das Leben seiner Mitgefangenen zu verbessern. Eines Tages tätowiert er den Arm eines jungen Mädchens und verliebt sich.
In dem Buch wird zum einen das Leben und das Schicksal der Menschen in Auschwitz beschrieben, gleichzeitig jedoch auch die wunderbare Liebesgeschichte von Lale und Gita, die manchmal so alltäglich ist, dass man für eine Sekunde fast vergisst, dass sie sich in Ausschutz befinden. Liebe an einem Ort, der so sehr auf Hass basiert, dass man es nie für möglich gehalten hätte.

Im zweiten Buch „Cilka’s Journey” geht es um das Schicksal von Gitas Freundin Cilka. Auch dieses Buch beginnt in Auschwitz. Der Hauptteil der Geschichte findet jedoch in Vorkuta, einem Gefangenenlager der Sowjetunion in Sibirien statt. Denn als Cilka mit sechzehn Jahren nach Auschwitz kommt, fällt sie dem Kommandant Schwarzuber auf, der sie zu seinen Liebesdiensten verpflichtet. Nach der Befreiung von Auschwitz wird sie wegen ihrer unfreiwilligen Liebesdienste von den Sowjetunion ungerechterweise als Kollaborateurin verhaftet und nach Sibirien in die nächste Gefangenschaft geschickt. Dort muss sie mit ihrer Vergangenheit und der Schuld, die sie fühlt, umgehen. Doch sie hält durch und auch sie findet in den harten Wintern Sibiriens schließlich die Liebe. Die Autorin erzählt anhand von Cilkas Schicksal eindrücklich über die das Gefangenenlager in Vorkuta. Eine Teil der Nationalsozialistischen Zeit, die mir persönlich weniger bekannt war.

Heather Morris, The Tattooist of Auschwitz: A Novel, Harper Paperbacks, 2019, ISBN: 978-0062797155

Heather Morris, Cilka’s Journey The sequel to The Tattooist of Auschwitz, Bonnier Zaffre UK, 2019, ISBN: 978-1-78576-913-9

Familie, Geheimnisse und die Ruhe vor dem Sturm

Emely mag Tiere,
Orhrringe und bunte
Farben. Sie erzählt
gern komische
Geschichten und
träumt von einem
Podcast, den sie
FreshFM nennen
würde.
Emely über den Roman Eine irische Familiengeschichte” von Graham Norton

Ich habe dieses Jahr viele „politische“ Bücher und Sachbücher gelesen. Alle waren super, weiterbildend und empfehlenswert. Im Herbst aber überkam mich das Verlangen, einfach mal einen seichten Roman zu lesen, so ein bisschen was für’s Herz, wenn die Tage länger werden. Und weil die Pandemie in mir einen unerklärlichen Hang zur Nostalgie ausgelöst hat, sprach mich der Titel dieses Buches besonders an (obwohl ich jetzt sagen würde, er ist eher schwach aus dem Englischen übersetzt): Eine irische Familiengeschichte. Das klang für mich ein wenig nach Rosamunde Pilcher, trockenem Humor und nach dem perfekten Trostpflaster für meine akute Irland-Sehnsucht. Das Cover löste in mir den Wunsch aus, sofort an den abgebildeten Klippen spazieren gehen zu wollen. 

Wie ich mich geirrt habe! Mithilfe zweier ineinander verwobener Zeitstränge, im „Jetzt“ und im „Damals“ erzählt Norton eine Familiengeschichte, voll mit Geheimnissen, die es in sich haben. Es beginnt mit Elizabeth, die aus den USA nach Irland zurückkehrt, weil ihre Mutter gestorben ist. Eigentlich will sie sich nur um das Erbe kümmern, doch das läuft anders als geplant. Die Hauptcharaktere durchleben Überraschungen, die sie nicht kommen sahen. Richtig oft stockte mir beim Lesen der Atem, als würde ich eine Psychothriller lesen. Spannend ist dabei, dass das Buch zu Beginn gar nicht besonders spektakulär wirkt und sich die Wendungen des Romans fast langsam entfalten, aber mit einer Tiefe, die irgendwie extrem ergreifend ist.

Und sind wir doch ehrlich, es gibt eigentlich kaum unterhaltsameres als Skandale und Familiendrama, oder? Kein Science-Fiction, keine große Action, sondern einfach nur menschliche Abgründe von schrecklich normalen Leuten. Am Ende war es doch ein bisschen wie ein nasser Spaziergang an der irischen Küste. Rau, melancholisch und trotzdem schön. 

Graham Norton, Eine irische Familiengeschichte, Rowohlt, 2020, ISBN: 978-3-463-40720-3 

Von redaktion

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