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Die Alte Mu bleibt trotzig

Text: Katharina Uhlig – Bild: Anne-Lena Cordts

Die Alte Mu in Kiel gibt es seit mehr als sieben Jahren – von ersten Projekten in einem (fast) leerstehenden ehemaligen Hochschulgebäude bis zu dem selbsternannten „Zentrum der Kreativität und Soziokultur in Kiel“, das es heute ist, war es ein weiter Weg. Friederike Kopp, genannt Rike, war fast von Anfang an dabei. Ich treffe mich mit ihr, um mehr über das Projekt Alte Mu, die Widerstände seitens Land und Stadt und die aktuelle Situation zu erfahren.

Veranstaltung im Fahrradkinokombinat

Rike und ich sind im Fahrradkinokombinat verabredet, in dem am Vorabend ein Konzert stattgefunden hat. Zwei der Musiker bauen gerade ab, durch ein geöffnetes Tor dringt Musik aus einem Lieferwagen und etwas Licht herein, sonst ist es aber ziemlich dunkel im Raum. „Sorry“, meint einer der beiden, „wir wissen nicht, wie das Licht hier angeht!“

Macht nichts. Ich sitze im Halbdunkeln auf einem der großen Sofas im Raum, warte auf Rike und gucke mich erstaunt um: Von Fahrradkino ist hier momentan nicht viel zu sehen, dafür gibt es eine große Bühne mit Klavier darauf, verschiedene Sofas und Sessel stehen herum, hinten an der Wand ist eine nette Bar und von der Decke hängen Diskokugeln, Pflanzen – und natürlich ein Fahrrad.

Als Rike kommt, macht sie als erstes das Licht an – der Schalter ist hinter einem Schrank versteckt, das muss man natürlich wissen. Bevor wir unsere Tour durch und unser Gespräch über die Alte Mu beginnen, stelle ich ihr direkt meine erste Frage – wie um alles in der Welt gießen sie die Pflanzen da hoch oben unter der Decke? Die sehen nämlich wirklich gut aus und sind definitiv nicht aus Plastik. Rike lacht: „Also, im Moment mit einer Angel, an der vorne eine kleine Gießkanne dran ist. Die Pflanzen hängen übrigens an Diskokugelmotoren und können sich auch drehen. Die sind für die Museumsnacht aufgehängt worden.“ Beeindruckend, mit wie viel Liebe hier alles gestaltet und eingerichtet ist.

Rundgang durch die Alte Mu

Wir drehen eine Runde über das Gelände und sehen uns einige der insgesamt über 60 hier angesiedelten Projekte an. 2012 wurden die ersten Räumlichkeiten in der Muthesius Kunsthochschule frei (daher auch der Name), da diese in andere Gebäude umzog. Der Kanzler Dirk Mirow schloss damals Zwischenmietverträge mit einzelnen Gruppen ab; die erste war Kieler Honig, die im Stadtgebiet imkern und hier ihre Honigwerkstatt haben. Nach und nach kamen immer mehr Projekte dazu, bis die Kunsthochschule schließlich komplett aus den alten Räumlichkeiten ausgezogen war. Dann wurde eine Zwischennutzungsvereinbarung mit dem Land Schleswig-Holstein abgeschlossen, das Eigentümer des Grundstücks der Kunsthochschule ist.Mittlerweile sind sehr unterschiedliche Gruppen in der Alten Mu angesiedelt, von quasi „kommerziellen“ wie dem 3Komma3, umtüten oder instruments of things, über Vereine, wie der Sharing-Community Glückslokal, Cradle to Cradle oder der BundJugend, bis hin zu Projekten, die das Fortbestehen und die Verbreitung alternativer (Forschungs-)Projekte und Unternehmen fördern und unterstützen. Beispiele dafür sind das C-20 Institut für Transformative Utopie und das yooweedoo.changelab, ein „Zentrum für nachhaltige Entwicklung und Social Entrepreneurship“.

In der Alten Mu gibt auch einen Coworking-Space namens Thinkfarm, der diesem Namen wirklich gerecht wird: Hier kommt es zu einem regen Austausch und Sich-gegenseitig-unter-die-Arme-Greifen, da die Schreibtische nicht nur interessierten Externen zur Verfügung stehen, sondern auch einige der Projekte, die sich in der Alten Mu eingemietet haben, ihren Bürokram hier erledigen.

Die freie Holzwerkstatt „Werk Statt Konsum“

Weiter geht es zur Werk Statt Konsum, einer offenen Holzwerkstatt, in der jede*r einfach an ihren*seinen Projekten arbeiten, die vorhandenen Werkzeuge nutzen und auch auf etwas Unterstützung hoffen darf. Die Werkstatt war anfangs in der Alten Mensa ganz vorne auf dem Gelände untergebracht, zwischenzeitlich dort, wo sich heute das Fahrradkinokombinat befindet, und seit etwa drei Jahren in den jetzigen Räumlichkeiten – der alten Holzwerkstatt der Kunsthochschule. Hier läuft alles ehrenamtlich ab, die Werkstatt muss aber trotzdem Miete an die Alte Mu zahlen. Wie das funktioniert? Über Spenden für die Nutzung der Werkzeuge und Leute, die sich richtig einmieten, um auch außerhalb der normalen Öffnungszeiten an ihren Projekten basteln zu können.

Die Identifikation der einzelnen Projekte mit den Werten und Idealen der Alten Mu sei allerdings nicht mehr so gegeben wie am Anfang, als der Kreis noch kleiner und überschaubarer war, meint Andre von der Werk Statt Konsum. Seiner Meinung nach ginge es den Leuten teilweise eher um die günstige Miete als die gemeinsamen Ziele – um genau so etwas zu vermeiden, gibt es jetzt die AG Raumkommission, die bei Neubewerber*innen genau unter die Lupe nimmt, ob diese zur Alten Mu und deren Konzept passen. Auch auf Ausgewogenheit zwischen Start-ups, Non-Profit-Organisationen und Unternehmen soll geachtet werden.

Visionen und Werte der Alten Mu

Zu Beginn des Verstetigungsprozesses fand im Mai 2015 ein erster Visionsworkshop statt (mittlerweile gab es fünf), an dem etwa zwanzig Leute teilnahmen und feststellten, dass sie ähnliche Ziele verfolgen. Auf der Homepage der Alten Mu definieren sie „vier gleichwertige Impulsgeber“, nämlich Soziales, Ökologisches, Ökonomisches und Kulturelles. Dies sehen sie als Grundlage einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Gesellschaft: „Es geht darum voneinander zu lernen, sein Wissen weiterzugeben und zum Wohle der Gesamtheit zu handeln. Dabei gilt es bestmögliche Transparenz über sämtliche Aktivitäten zu geben.“ Langfristig soll auf dem Gelände ein Gleichgewicht zwischen Wohnen, Arbeiten, Bildung, Kunst und Kultur geschaffen werden. Eine Bauvoranfrage für die Umgestaltung des Geländes wurde bereits gestellt.

Der Gang, auf dem das Planungsbüro und das C20 liegen

Um aber nicht nur Visionen und Ziele zu entwickeln, sondern auch das „Alltagsgeschäft“ gemeinsam zu meistern, findet seit Herbst 2014 alle zwei Wochen ein Plenum statt, bei dem alle wichtigen Themen besprochen und gemeinsame Entscheidungen getroffen werden. Die Gründung des „Planungsbüro für urbane Transformation“ vor zwei Jahren, für das Rike inzwischen freiberuflich arbeitet und das die Prozesse in der Alten Mu ein bisschen strukturieren und professionalisieren soll, war so eine Plenums-Entscheidung.

Zur Alten Mu ist Rike schon 2013 gekommen, über das Fahrradkinokombinat, für das sie dann auch im Plenum saß. Als sich der Verein Alte Mu Impuls-Werke e.V. schließlich im September 2015 gründete, war sie drei Jahre lang im Vorstand. All das qualifiziert sie für die Arbeit, die sie heute mit dem Planungsbüro für das Projekt verrichtet – ihr Studium der Kunstgeschichte und Germanistik habe ihr dafür eher die softskills geliefert, meint sie. Jetzt kümmert sie sich vor allem um die Öffentlichkeitsarbeit der Alten Mu und Fördermittelakquise. O-Ton: „Ich sitze am Schreibtisch und sorge dafür, dass alles schön aussieht und gut klingt.“ Um dabei trotzdem auch den „Kontakt zur Subkultur“ nicht zu verlieren, arbeitet sie – wie am Vorabend beim Konzert – manchmal noch im Fahrradkinokombinat.

Aushandlungsprozesse mit der Stadt

In der Zeit, die Rike nun schon in der Alten Mu aktiv ist, hat sich wahnsinnig viel getan. Nicht nur intern, sondern auch was die Kommunikation und Beziehung mit der Stadt angeht. So fand beispielsweise ein Workshop zur Erarbeitung von Richtlinien für Förderbedarfe statt, bei dem die Vertreter*innen der Alten Mu den Entwurf der Stadt kritisierten, sodass dieser nun überarbeitet wird. Ab 2020 soll es statt der bisherigen Projekt- nun eventuell eine institutionelle Förderung geben.

Meine Frage, ob sich Leute während dieser Aushandlungsprozesse mit der Stadt aus dem Projekt ausgeklinkt haben, weil ihrer Meinung nach zu viele Abstriche gemacht werden mussten, verneint Rike. Ihrer Meinung nach sei das eher passiert, weil die Gruppe beziehungsweise das Projekt insgesamt so groß geworden sei, dass es einige abgeschreckt habe. Auch der wirtschaftliche Druck habe vielleicht den einen oder die andere „vertrieben“: Anfangs, als noch Zwischenmietverträge mit der Hochschule abgeschlossen wurden, mussten die einzelnen Projekte gar nichts für die Nutzung der Räumlichkeiten zahlen, inzwischen sind zumindest die Verbrauchskosten und ein Anteil zum Unterhalt des Planungsbüros zu entrichten. Somit gehen die aktuellen Nutzer*innen quasi in Vorleistung für das, was kommt. Ab diesem Jahr sollen nun auch  Wohnungsinteressent*innen um finanzielle Unterstützung gebeten werden,  die sich vorstellen können im gemeinschaftlichen Wohnen unterzukommen oder in die Zukunft für studentisches Wohnen investieren wollen.

Dabei ist die Zukunft des Geländes momentan noch nicht ganz in trockenen Tüchern.

Angepeilt ist ein Erbbaurechtsvertrag, was sehr gut zur Alten Mu passen würde: Nutzen, aber nicht besitzen. Mit dieser Planungssicherheit könnten sie die weitere Finanzierung angehen, Fördertöpfe anzapfen und eine Genossenschaft gründen. Noch vor Weihnachten gab es eine Pressekonferenz gemeinsam mit der Stadt, bei der Finanzministerin Monika Heinold und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer eine Zielvereinbarung über die städtebauliche Entwicklung der Alten Mu unterzeichneten; auch im Koalitionsvertrag des Landes Schleswig-Holstein (2017-2022) wurde dem Projekt schon eine langfristige Perspektive zugesagt.

Das war nicht immer so: Zwischenzeitlich wurde der Strom abgestellt, da die Elektrik marode war – der Verein ließ die Leitungen reparieren und bezahlte dies aus eigener Tasche. Auch mit dem Brandschutz gab es Probleme, sodass die Zwischennutzung nicht verlängert wurde. Jetzt gerade, meine Rike, sei mit der Stadt aber „Friede, Freude, Eierkuchen“. Zwar gebe es problematische Punkte, wie die Tatsache, dass die Bewohner*innensuche für die geplante Wohnbebauung nach den Standards der Alten Mu natürlich anders – nämlich intensiver und damit zeitaufwändiger – ablaufen wird, als die Stadt sich das vielleicht so vorstellt.

Beteiligungsverfahren in der Alten Mu

Oder die Vorgaben an die 30% Wohnbebauung auf dem Gelände – ein Drittel davon soll nämlich sozialer Wohnungsbau sein und für diesen gibt es bestimmte Richtlinien, wie Mindestgröße und -ausstattung der Wohnungen. Das ist jedoch mit dem angestrebten CO2-Fußabdruck der Planer*innen von der Alten Mu nicht vereinbar. Laut deren Plänen soll es viel mehr gemeinschaftlich genutzte Flächen geben, um das Wohnen platzsparender und damit nachhaltiger zu gestalten.

Hier geht es also um Konflikte zwischen sozialer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit; die Stadt beharrt auf der Einhaltung ihrer Vorgaben, während die Alte Mu diese hinterfragt und Dinge abseits der Richtlinien fordert. Damit trägt die Alte Mu im Idealfall dazu bei, dass Vorgaben überdacht und eventuell an heutige gesellschaftliche Bedürfnisse und nachhaltiges Handeln angepasst werden. Dass ressourcenschonendes Bauen und die Werte des Teilens eine große Herausforderung für die Gesellschaft im Allgemeinen und die Stadt im Besonderen darstellen, ist den Menschen in der Alten Mu durchaus bewusst.

Friede, Freude, Eierkuchen?

 „Die Konflikte lassen sich mithilfe runder Tische aber immer aus der Welt schaffen“, meint Rike. Woher ihr gutes Verhältnis zur Verwaltung komme? „Viel Dialog, Offenheit, immer wieder unser Gesicht zeigen, die verschiedenen Fraktionen hierher einladen“, so das Geheimrezept. Inzwischen haben sie regelrechte Fans in den verschiedenen politischen Gremien, das hilft natürlich. Aber auch insgesamt stoßen sie bei der Verwaltung auf großes Interesse und Entgegenkommen. Ihrer Meinung nach habe man dort verstanden, „dass eine lebenswerte Stadt Kunst und Kultur braucht, nicht nur Unternehmen.“

Eine der Auflagen der Stadt an die Alte Mu ist die Durchführung eines Wettbewerbes, wie bei anderen Neubauprojekten auch. Das ist völlig im Interesse des Vereins, allerdings widerstrebt diesem die übliche Vorgehensweise für die Gestaltfindung größerer Bauten: Regulär müsse es geheime und konkurrierende  Wettbewerbsverfahren für Architekt*innen geben, was aber so gar nicht zu dem Bürgerbeteiligungs- und Konsensansatz der Alten Mu passt. Der Verein hat nun also ein öffentliches und kooperierendes Werkstattverfahren erarbeitet, das 2020 durchgeführt werden soll.

Die Alte Mu beschäftigt sich aber nicht nur mit sich selbst, obwohl sie damit schon alle Hände voll zu tun hat – sie macht sich auch für die Vernetzung mit anderen Projekten und generell der Verbreitung ihrer Ideen und Konzepte stark. Deshalb ist sie zum Beispiel Mitglied im Netzwerk Immovielien, das eine Lobby für Projekte wie ihres darstellt. Und im Oktober nahmen Aktive aus der Alten Mu am ersten internationalen Treffen des Netzwerks STUN (Social Temporary Use Network) in Frankreich teil, dem es um eine Vernetzung mit ähnlichen Projekten aus ganz Europa und das Aufstellen von europaweiten Forderungen geht.

Man sieht: Die Alte Mu bleibt trotzig.

Rike, was ist dein persönliches trotzdem?

„Ich glaube, ich würde immer eher ‚deswegen‘ sagen statt ‚trotzdem‘, weißt du? Ich habe Spaß daran, Leuten zu erklären, warum ich Dinge tue – und andersrum auch von ihnen erklärt zu bekommen, warum sie Dinge tun. Vielleicht auch trotzdem.“

Von katha

Katha studiert Transformationsstudien in Flensburg und interessiert sich besonders für Projekte und Menschen, die sozialen und ökologischen Wandel jetzt schon praktisch umsetzen.

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