leise

Drei Schafe und zwölf Tourist*innen

Text: Antonia Worm – Bild: Anna Glindemann, Laura Klein und Antonia Worm

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Auf der Straße fahren Autos vorbei, die Vögel zwitschern, der Fernseher ist an, mein Mitbewohner redet mit mir. Auf Instagram wurde ich unter einem Bild verlinkt, eine Freundin schreibt mir auf Whatsapp. Ich habe drei neue Mitteilungen auf Facebook, vier ungelesene Mails und zwei neue Snaps.

Wie soll ich unter diesen Umständen darüber nachdenken, was jetzt noch in meiner Hausarbeit fehlt und welche Literatur ich dafür brauche? Oder was ich morgen alles bei der Arbeit erledigen muss? Wie soll ich Texte lesen und mir tatsächlich merken, was dort steht, wenn ich nicht mal meine eigenen Gedanken höre?

Jetzt wäre eine einsame Insel wirklich verlockend – davon gibt es doch genug in Schleswig-Holstein! Mit nichts anderem als einem Buch und dem, was ich außerdem zum Leben brauche. Keine anderen Menschen, keine Verpflichtungen, keine Nachrichten. Niemand, der mich anruft oder mir schreibt. Einfach in den Tag hineinleben. Einfach nur Stille.

Ich könnte mir das ungefähr so vorstellen: Mich auf einer einsamen Insel verkriechen und in ein paar Tagen entspannt und ohne Störung alles fertig machen, was noch so ansteht. Und dann eine Woche lang die Ruhe genießen. Keine Telefonate, keine Benachrichtigungen von sozialen Medien – eigentlich könnte das Handy sogar mal ein paar Tage ausgeschaltet bleiben, oder?

Oder würde ich mich dann nicht ein wenig einsam fühlen?

Schließlich können wir dank der heutigen technischen Kommunikationsmöglichkeiten selbst Kontakt zueinander halten, wenn wir tausende Kilometer weit voneinander entfernt wohnen. Wenn mir ein Freund aus Australien auf Instagram oder Facebook ein lustiges Foto oder Video schickt, weil er dabei an mich denken musste, ist das schon schön. Wenn es jedoch alle ständig machen, werde ich immer wieder von meinem eigenen Leben und meinen Aufgaben abgelenkt. Ich will schließlich gerne darauf antworten, weil ich doch gerne mit anderen kommuniziere. Wenn das Handy aus ist, habe ich aber das Gefühl, in meiner gewohnten Umgebung irgendwie von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Es ist ein Dilemma.

Also doch lieber der Urlaub auf der einsamen Insel, wenn auch nur in meinen Gedanken – Also im Kopfkino den Koffer packen, allen sagen, dass ich ein paar Tage weg bin und auf geht’s!

© Anna Glindemann

Stille. Unendliche Weiten. Eine Nordseeinsel, auf der es mehr Schafe als Menschen gibt. Vom Deich schweift der Blick über die Weite des Watts. Eine kalte Brise um die Nase. Ein Einheimischer kommt mit seinem Hund vorbei, grüßt und zieht von dannen. Jetzt gibt es nur noch mich und den Wind – der immer aus der falschen Richtung bläst, aber das stört mich jetzt nicht. Die nächste Stunde ist keine Menschenseele zu sehen, nur ab und zu eine Herde Schafe. Ein paar hundert Meter weiter stehen ein paar Buschkaten, aber von den Bewohner*innen keine Spur. Weit draußen auf dem Meer fährt ein großes Schiff am Horizont entlang. Wieder in der Hütte angekommen, mache ich mir einen heißen Tee, setze mich in den gemütlichen Sessel am Fenster und lese das dicke Buch, das ich seit drei Jahren im Bücherregal stehen habe. Nur war irgendwie nie die Zeit, um es zu lesen. Oder die Muße. Hier, an diesem friedlichen Ort, ganz allein in der Hütte, gibt es jedoch nichts, was mich davon abhalten könnte. Ich kann so lange hier bleiben, bis ich das Buch durchgelesen habe. Nur beim Einkaufen oder Spazieren begegne ich mal anderen Menschen, aber hier grüßt man sich nur, kommentiert vielleicht kurz das Wetter, und geht dann wieder seiner Wege… Herrlich.

Doch langsam macht sich ein komisches Gefühl breit – ich bekomme ja gar nicht mit, was jetzt so in der Welt passiert! Aber früher konnten die Menschen doch auch nicht jede Sekunde wissen, was in der ganzen Welt los ist. Also: Morgens und abends zur Nachrichtenzeit das Radio anmachen, um zumindest kurz zu hören, was da draußen so los ist. Nicht, dass die Welt untergeht, während ich hier friedlich sitze und mein Buch lese. Was meine Familie und Freunde machen, während ich zwei Wochen lang weg bin, können sie mir ja auch erzählen, wenn ich zurück bin. Ob meine kleine Nichte jetzt laufen gelernt hat? Wie wohl die Prüfung von meinem Bruder lief? Ob der Arzttermin von meiner besten Freundin gut ausgegangen ist? Aber diese Woche interessiert mich das nicht – oder?

Langsam kribbelt es in meinen Fingern. Ich würde jetzt am liebsten gleich Instagram und Facebook öffnen, um zu sehen, was alle so treiben.

Das war jetzt nur ein Gedankenspiel und ich frage mich langsam, ob ich das auf Dauer aushalten könnte. Auf einer einsamen Insel, ohne Zugang zum Internet, also ohne Zugang zur Außenwelt – ganz alleine?

Einen oder zwei Tage ohne soziale Medien sind bestimmt noch entspannend, eine ganze Woche kann aber schon eine große Umstellung sein. Eine Pause von sozialen Medien kann für jeden anders sein. Und auch die Umstände machen einen Unterschied:  Auf schönen Insel ohne Internet empfindet man die Stille eher als etwas Positives, als wenn die Verbindung zur Außenwelt plötzlich gekappt wird, obwohl man darauf angewiesen ist. Wie entspannend diese Zeit wirklich wäre, erfährt man nur, wenn man es ausprobiert.

Aber seien wir mal ehrlich: Diese einsame Insel, auf der man stundenlang keiner Menschenseele begegnet und ohne Internetempfang durch die Dünen stapft – gibt es die überhaupt noch? Kann man noch so von der Außenwelt abgeschnitten sein? Selbst an den vermeintlich abgelegensten Orten ist die Internetverbindung mittlerweile gut genug, um erfahren zu können, was die Familie und Freund*innen so treiben.

© Anna Glindemann

Die meisten Inseln in Schleswig-Holstein, die lange so idyllisch und ruhig waren, sind mittlerweile von Tourist*innen überrannt worden. In der Vorstellung fährt man auf eine ruhige und beschauliche Insel an der Nordsee, zum Beispiel Föhr. In der Realität steht man am Fähranleger schon mit 50 anderen Autos in der Schlange. Im Jahr 2018 gab es auf Föhr 212709 Übernachtungsgäste, die im Durchschnitt neun Tage lang auf der Insel blieben. Die Tagesausflügler*innen  sind da noch gar nicht mitgezählt. Für eine Insel mit nur knapp 8000 Einwohner*innen hat, sind das ziemlich hohe Zahlen – die mit jedem Jahr weiter steigen.

Statt romantischen Reetdachhäusern nur Ferienhausanlagen

Die Wahrscheinlichkeit, sich nur mit den Schafen den Deich zu teilen und das Watt zu beobachten, sehr gering. Stattdessen drängelt man sich mit 14 anderen Tourist*innen und drei Hunden auf dem Deichabschnitt – und schaut versonnen übers Watt. Oder versucht es zumindest. Hinter dem Deich stehen nicht mehr nur Schafe und einige Reetdachhäuser, sondern auch Ferienhausanlangen. Damit alle ihre idyllische Ruhe haben. Dort kann jede*r im eigenen gemütlichen Sessel sitzen, Tee trinken, endlich das dicke Buch lesen und aus dem Fenster schauen – und die vorbeilaufenden Menschen beobachten. Im Supermarkt ist es voll und teuer geworden. Und selbstverständlich ist das Internet in jedem Ferienhaus inbegriffen. Wer nichts verpassen möchte, bleibt also immer auf dem neuesten Stand!

Jetzt könnte man die Frage stellen, ob die meisten Menschen im Urlaub wirklich so viel Abstand vom Arbeitsalltag suchen. Vielleicht ist die Abwechslung vom Alltag schon genug: Eine andere Umgebung und die Nähe zum Wasser. Da wird das Handy vielleicht sogar noch mehr genutzt als sonst, weil dann mehr Zeit dafür ist. Aber für diejenigen von uns, die wirklich Stille suchen – was sollen wir machen, wenn es keine einsame Insel mehr gibt?

© Laura Klein

Ich verabschiede mich von meinem kleinen Gedankenspiel und dem Traum von der einsamen Insel. Bestimmt gibt es noch kleine verschlafene Ecken in Schleswig-Holstein, in denen wir unsere verschlafene Stille und die totale Entschleunigung genießen können.

Vielleicht müssen wir aber auch gar nicht wegfahren, was ja auch nicht immer möglich ist und vielleicht auch etwas radikal ist, sondern unsere eigenen kleinen, leisen Inseln schaffen – in unserem Alltag. Durch kleine Ausbrüche aus der immer hektischeren Gesellschaft, in der wir immer erreichbar sind und ständig mit neuen Informationen konfrontiert werden.

Hier ein paar Vorschläge für deine persönliche einsame Insel:

  1. Der nächste Wald- oder Strandspaziergang – mal ganz ohne Handy.
  2. Ein Nachmittag auf dem Balkon.
  3. Ein schönes Brettspiel spielen.
  4. Den Tag ohne Handy beginnen und beenden.
  5. Meditieren
  6. Der eigene gemütliche Sessel, mit einer heißen Tasse Tee und dem dicken Buch.
Was das mit Leise zu tun hat:

Manchmal merken wir gar nicht, wie laut und voll unser Alltag eigentlich ist – nicht nur an Geräuschen, sondern auch an Eindrücken, Informationen und Aufgaben. Soziale Medien tragen auch zu diesem Lärm bei, vor allem weil wir darüber oft auch Informationen erhalten, die wir eigentlich gar nicht brauchen oder wollen. Wer aus dem Lärm ausbrechen möchte, hat vielleicht Probleme, einen Ort dafür zu finden. Gibt es überhaupt noch Orte, an denen alles leise ist?

Von antonia

Antonia mag Nugat, den Wald und Regen. Sie ist eine richtige Exotin in unserer Redaktion, denn sie studiert als einzige Kultur-Sprache-Medien im Master und hält uns auch mal davon ab, zu transformations-abstrakt zu werden. Aber auch in ihr schlägt ein Herz für Veränderung. Besonders interessiert sie sich für Minimalismus und dafür, was soziale Medien eigentlich mit uns und unserem Alltag so machen.

Eine Antwort auf „Drei Schafe und zwölf Tourist*innen“

[…] Viele Inseln Schleswig-Holsteins gelten als Orte der Ruhe. Aber findet man diese dort wirklich? Und auf dem Festland – wie sieht es eigentlich in den Dörfern aus, in denen es vielleicht ungewollt immer ruhiger wird? Wenn es besonders leise um ein Thema ist, dann scheint jede*r, der oder die diese Stille durchbricht, umso lauter zu sprechen, besonders viel Gehör einzufordern. Aber wen oder was hören wir und wen hören wir nicht? Was wollen wir vielleicht gar nicht hören? Wer oder was findet kein Gehör? Und was wird dagegen unternommen, wenn durch das stetige Weghören immer wieder Menschenrechte verletzt werden?  […]

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