leise

Einmal leise zum Mitnehmen, bitte!

Text: Emma Marx – Bilder: Laura Klein

Immer wenn ich anfange zu schreiben, rufe ich das Online-Synonymwörterbuch meines Vertrauens auf. Manchmal schäme ich mich ein bisschen dafür, dass sich all diese wunderbaren Begriffe nicht einfach in meinem Kopf stapeln. Meistens aber freue ich mich über die Vielschichtigkeit der Sprache und darüber, welche Assoziations-Universen sich dort vor meinen Augen eröffnen. Viele der angeblichen Synonyme sind eher mit dem gesuchten Wort verwandt, als wirklich gleichbedeutend. Und dennoch verstehe ich dadurch Wörter noch einmal ganz neu, tiefer. Ich kriege verschiedene Perspektiven auf dem Goldtablett serviert. 

Das Synonym-, oder vielleicht eher Assoziationswörterbuch, ähnelt dem ersten Schritt, den wir in unserer Redaktion gehen, wenn eine neue Ausgabe entsteht. Nachdem wir uns, eher aus dem Bauch heraus, für ein Titelthema entscheiden, beginnt das große Brainstormen: Dieses Mal hingen 46 Zettel an meiner Wand, die für die anderen per Webcam in ihre Wohnungen übertragen wurde. 

Zum Mitnehmen I: Eine Wortschatzerweiterung

Jetzt, etwa drei Monate später, bin ich erstaunt: Wir haben es geschafft, eine ganze Menge der vielen Nuancen, die das vermeintlich kleine Wort leise in sich trägt, aufzunehmen und eine Fülle völlig unterschiedlicher Artikel zu schreiben. Hier nochmal im Schnelldurchlauf eine kleine Wortschatzerweiterung, für alle, die das genauso schätzen, wie ich es tue: 

Schrittweise vollzieht sich der Wandel in den Dörfern auf dem Land. Verborgen bleibt oft häusliche Gewalt. Unbemerkt die Nöte der Texilarbeiter*innen im Globalen Süden. Still und heimlich kehren verschwunden geglaubte Tiere in die Wälder und auf die Felder zurück. Lautlos sollte es manchmal für Menschen mit Misophonie sein, damit sie nicht überfordert sind in unserer schmatzenden Welt. Leer und friedlich stellen wir uns gerne die einsame Insel vor. Überhört werden eine ganze Menge verschiedener benachteiligter Menschengruppen, aber wer steht am schlechtesten da? Diese Frage hat es in sich und zeigt sich auch am Verhältnis zwischen der sozialen und der kulturellen Linken: Das ist ziemlich diffus. Und: Nur schleppend bewegt sich die Klimapolitik, wenn die Umsetzung von Klimazielen nur auf kommunaler Ebene stattfindet, ohne Budgets und Verpflichtung. 

Zum Mitnehmen II: Viele Fragen

Wir haben versucht, möglichst viele der Klebezettel zu berücksichtigen, dennoch sind 46 Stück eine ganze Menge und so sind einige Themen übrig geblieben, die eigentlich enorm wichtig wären: Welche Welt brauchen Menschen, die Lärm nur schwer ertragen können, zum Beispiel hochsensible oder Menschen mit Autismus-Spektrums-Störungen? Wer muss eigentlich da leben, wo es besonders laut ist und wer darf da leben, wo es schön ruhig ist? Was hat Sprache damit zu tun, ob man gehört oder überhört wird? Was bedeutet leise im Alltag der Schleswig-Holsteiner*innen? 

Und dann noch eine ganze Reihe Themen, die im Moment wesentlich sind: Was macht die Kommunalpolitik in Schleswig-Holstein eigentlich in dieser leisen Zeit, in der alles von einem lautstarken Virus übertönt zu werden droht? Wie leise wird die Kulturszene ‘danach’ sein? Wer kümmert sich um den Klimawandel, während alle über Viren und Impfungen, Rezessionen und Verschwörungen reden? Wie kann digitaler Protest lauter werden?

Diese Fragen sind teilweise auch erst in den letzten Wochen zum Vorschein gekommen und deswegen unbeantwortet geblieben. Zum einen, weil uns manchmal die Ressourcen fehlen, zum anderen, weil wir nur bestimmte Perspektiven abdecken können. Und bestimmt auch, weil wir manches einfach nicht richtig hören und sehen. 

Zum Mitnehmen III: Eine Hand voller Erkenntnisse

Wir sehen zwar nicht alles, aber wir sehen jedes Mal nach einem solchen Prozess mehr. Zum Schluss habe ich deshalb einmal nachgehorcht und möchte dir hier einige der Erkenntnisse mitgeben, die wir während des Redaktionsprozesses hatten. Vielleicht klingen diese im ersten Moment wie Binsenweisheiten, aber ich glaube, sich darüber bewusst zu sein, könnte einiges zu einer sozialeren und ökologischeren Welt beitragen.  

  1. Leise und laut sind weder gut noch schlecht. Der Kontext macht den Ton.
  2. Stille ist nie absolut. 
  3. Die meisten brauchen sowohl leise als auch laute Zeiten. Das Verhältnis, in dem diese Zeiten zueinander stehen, ist jedoch sehr persönlich. 
  4. Was leise und was laut ist und sein kann, hat viel mit Macht zu tun und Macht kann sich in (geschlechtsspezifischer) Gewalt ausdrücken. 
  5. Wer selbst leise ist, kann die leisen Dinge und Momente besser erkennen. 
  6. Und manche leisen Dinge sind gar nicht so leise, wenn man sich näher mit ihnen beschäftigt, sondern eigentlich erstaunlich laut. 

Emely schreibt im Editorial, dass leise ein Zustand ist, aber ich finde, irgendwie ist leise auch eine Haltung – genauso wie trotzdem

Ist eine Frage aus deiner Sicht unglücklich unbeantwortet geblieben oder grob vernachlässigt am Rande behandelt worden, dann schreib uns doch bitte. Mach leise zu deiner Haltung und begib dich selbst auf Spurensuche. Wir freuen uns über alle, die Lust haben mit uns im Gespräch zu bleiben. Schreib du vielleicht sogar den Artikel, der dir noch fehlt. 

Von redaktion

Die zwölfköpfige Redaktion ist soziokratisch organisiert und immer offen für neue Gesichter! Falls du also Lust hast, deinem Talent ein Medium zu geben: Schreib uns an moin@trotzdem-mag.de

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