leise

Ist das Zukunft oder kann das weg? – Dorfleben revisited

Text: Anna Glindemann
Bilder: Anna Glindemann und Simon Ruof

Muhende Kühe, die Katze räkelt sich auf dem Hof in der Sonne, reetgedeckte Backsteinhäuser umgeben von Grün – es ist leise. Oder aber: Leerstehende Geschäfte im Ortskern, ein Bus am Tag, die Internetverbindung stockt – es ist leise geworden. Erste Assoziationen zu dem ländlichen Raum gleichen meist einem der beiden Bilder: Friedlicher Sehnsuchtsort oder schrumpfende Einöde. Aber was haben diese Bilder mit der Realität zu tun? 

Ländliche Räume stehen heutzutage vor vielen Herausforderungen: Abwanderung junger Menschen, alternde Bevölkerung, schleppende Digitalisierung, das Schließen von Geschäften, Schulen oder Gaststätten – Leerstand im Ortskern. In Schleswig-Holstein sind nach dem Landesprogramm ländlicher Raum 97% der Fläche als ländlich definiert, weshalb diese Themen für das nördlichste Bundesland von ganz besonderer Bedeutung sind.

Die Lage der Nation, verfasst vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, untersucht, wie zukunftsfähig Regionen in Deutschland aufgestellt sind und prognostizierte im aktuellen Bericht von 2019 die Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2035. Bestätigt wird, dass die deutsche Bevölkerung älter und die Bevölkerungsdichte vor allem auf dem Land schrumpfen wird. In einigen Kreisen im Hamburger Umland wächst die Bevölkerung zwischen sechs und zehn Prozent. Auch im Speckgürtel von Städten, wie Kiel oder Flensburg, wird ein solch hoher Zuwachs prognostiziert. Besonders stark von Verlusten betroffen sind die Kreise Dithmarschen, Steinburg, Plön und Ostholstein, mit bis zu sechs Prozent.

Prognostizierte Bevölkerungsentwicklung in Schleswig-Holstein und Hamburg 2017 bis 2035 in Prozent © Anna Glindemann

Neben der natürlichen Bevölkerungsabnahme spielen Wanderungsbewegungen von jungen Menschen in die Städte eine Rolle, weshalb die Gemeinden und ganze Kreise in Schleswig-Holstein laut Prognosen langfristig schrumpfen werden. Diese Schrumpfungsprozesse bedeuten kein totales Verkümmern der Regionen, wie es in anderen strukturschwachen Teilen Deutschlands der Fall ist, sondern zunächst nur ein Weniger an Menschen. Ideen und Positivbeispiele, wie mit diesen Entwicklungen zukunftsfähig umgegangen werden kann, oder, wie in Krisen die darin liegenden Chancen wahrgenommen werden können, sind kaum hörbar.  

Deshalb möchte ich herausfinden: Wie versuchen Gemeinden diesem Prozess zu begegnen? Welche Strategien und erfolgreichen Beispiele lassen sich finden?

Wachstum, Wachstum und noch mehr Wachstum?

Im Wettkampf um Einwohner*innen, Tourist*innen oder Gewerbetreibende möchte und muss sich jede Gemeinde profilieren. Oftmals wird dafür der Weg des Wachstums gewählt: Inanspruchnahme weiterer Flächen, um auf individuelle Bedürfnisse der Interessierten einzugehen – sprich neue Einfamilienhäuser und Gewerbegebiete. Aber hatte die Bundesregierung sich nicht auf weniger als 30 ha Bodenversiegelung pro Tag bis 2030 und auf ein Netto-Null-Ziel bis 2050 festgelegt? Da passt etwas nicht zusammen.

In Schleswig-Holstein liegt das Ziel laut dem Landesentwicklungsplan bei 1,3 ha Bodenversiegelung pro Tag. Olaf Prüß, Regionalentwickler mit Sitz in Itzehoe, ist davon überzeugt, dass aufgrund des äußeren Drucks weiterhin neue Flächen in Anspruch genommen werden. Zwar liege der Fokus auf den Innenentwicklungspotentialen, doch diese Prozesse sind sehr komplex – viele Flächen, die in Frage kämen, sind nicht im Eigentum der Gemeinde. Deswegen brauche es Zeit und Geld diesen Prozess zu verfolgen. „Es gibt zwar eine Tendenz, dass weniger Flächen verbraucht werden. Wie sich das in der Zukunft auswirken wird, wird sich aber erst in den nächsten zehn Jahren zeigen.” Prüß mahnt daher an, zusätzlich zur Wachstumsstrategie – sprich als Ort optimistisch sein, wachsen zu können – einen gewissen Realismus an den Tag zu legen. Dabei seien Lage und Anbindung ebenso zu bedenken, wie die Kosten von Kanalisation und Straßen, die dann aufkommen, wenn neue Baugebiete ausgewiesen werden. 

Das Bild wurde in Mörel aufgenommen © Anna Glindemann

Unter der Berücksichtigung aller relevanten Faktoren können idealerweise qualitative, sinnvolle Strukturen für die Zukunft geschaffen werden. Generell gilt es spezifische Qualitäten vor Ort herauszuarbeiten und zu stärken, die ein gutes Leben, auch mit weniger Menschen, ermöglichen, statt Wachstum als Allheilmittel zu glorifizieren.

„Es braucht Land-Lösungen für das Land!“

– Olaf Prüß

Denn auf dem Dorf zeigen sich echte Transformationsmöglichkeiten: Menschen, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben, können in einer Gemeinschaft mit kurzen Wegen miteinander und füreinander Projekte stemmen. Sie können durch die Erfahrung der Selbstwirksamkeit aktiv in gemeinsame, demokratische Gestaltung eingebunden sein und in kollektiven Strukturen Wandel vorantreiben. Problematisch ist also nicht unbedingt das Schrumpfen, sondern die Perspektive: Es werden zu oft Gesetze und Regelungen auf höheren Ebenen getroffen, bei denen, wegen einer städtischen Brille, angemessene Lösungen für den jeweiligen Ort übersehen und verhindert werden, argumentiert Olaf Prüß. Er fordert deswegen: „Es braucht Land-Lösungen für das Land!”. Viele Probleme, in den Bereichen Mobilität, Wohnen oder Versorgung, gelten zwar gleichermaßen für die Stadt und für das Land, doch bedarf es jeweils entsprechende Lösungen – und die sehen meistens unterschiedlich aus. 

Ein erster Schritt auf dem Weg zu positivem Wandel auf dem Land besteht also darin, die Brille der von außen Schauenden abzusetzen und den ländlichen Raum als das zu verstehen, was er ist: Kein Sehnsuchtsort, keine schrumpfende Einöde, sondern ein Lebensort. Um diesen zu unterstützen, fördern EU, Bund und Land die ländliche Entwicklung mittels unterschiedlicher Förderprogramme. Im Vordergrund stehen dabei keine stringenten Zielförderungen, sondern ortsangepasste, individuelle Lösungen. Ein gutes Leben soll ermöglicht und die Menschen in ihrem Handeln gestärkt werden. Die drei folgenden Projekte zeigen auf, wie ein solches lebenswertes Leben im ländlichen Schleswig-Holstein gestaltet werden und wie den verschiedenen Herausforderungen begegnet werden kann – leise wird es hier ganz sicher nicht.

© Simon Ruof

Statt Neuem Altes nutzen

Das Projekt Neues Leben auf alten Höfen wurde für Eigentümer*innen, die vor Umbaumaßnahmen ihrer erworbenen Höfe stehen, geschaffen. Der Fokus liegt dabei auf erhaltenswerten, landwirtschaftlich geprägten Höfen im Kreis Steinburg und Holsteiner Auenland. Ziel der Förderung durch die AktivRegionen ist eine Umnutzung, die Leerständen und neuer Bodenversiegelung entgegenwirkt, sowie die Erhaltung von historischer Baukultur.

Laut Olaf Prüß ist die Nachfrage sehr gut: 43 Erstberatungen und 33 Umnutzungskonzepte wurden bislang in Anspruch genommen. Prüß ist der Meinung, dass das Projekt Eigentümer*innen an die Umbaumöglichkeiten heranführt und Perspektiven aufzeigt. Dennoch sind die anfallenden Kosten der Umnutzung meist hoch, weshalb Maßnahmen aus den Konzepten voraussichtlich in kleineren Abschnitten realisiert werden. Zusätzlich fördere das Projekt den Austausch von Architekt*innen und der Bauaufsicht des Kreises und thematisiere das Bauen im Außenbereich.

Eine kernige Stärkung für das Dorf

Werfe ich einen Blick in mein Heimatdorf Hohenaspe im Kreis Steinburg, wird schnell klar: Hohenaspe ist ein pulsierendes, gut funktionierendes Dorf. Der aktive Ortskern, der die Grundversorgung vor Ort sichert, hat mit seinen kurzen Entfernungen vieles zu bieten: Grundschule, Sporthalle, Bürger*innenhaus, senior*innengerechtes Wohnen, Ärzt*innenzentrum mit weiteren Dienstleistungen sowie einen frisch sanierten Nahversorger. Volker Tüxen, leitender Verwaltungsbeamter des Amts Itzehoe-Land und gleichzeitig Bürger des Dorfes, beschreibt, wie es dazu kam: „Wir haben ein umfassendes Ortsentwicklungskonzept als Basis genutzt, in welchem Entwicklungsnotwendigkeiten und -chancen für das Dorf festgehalten wurden. Darauf aufbauend haben wir alle Entscheidungen der nächsten zehn Jahre getroffen, die etwas mit städtebaulichen Veränderungen der Ortsmitte mit seinen Funktionen zu tun hatten. Die Gemeinde hatte viel Mut, die Maßnahmen in eigener Regie und Verantwortung durchzuführen.“ 

Dort wo heute ein Teil des Ortskern ist, befand sich früher ein landwirtschaftlicher Betrieb, auf der gegenüberliegenden Seite eine zu sanierende Gaststätte. Beide Flächen wurden mit neuen Funktionen für das Dorf umgenutzt – Leerstände und städtebauliche Missstände sind in Hohenaspe Fremdwörter, meint Tüxen dazu. Das mutige Vorgehen der Gemeinde beflügelte auch Dorfbewohner*innen sich an der Umgestaltung des Ortskerns zu beteiligten. Vor allem in der Nutzung zeigt sich die rege Annahme von Angeboten und die große Akzeptanz: Die Gemeindeplanung war eine gute Entscheidung. Tüxen ist sich sicher: „So entsteht ein attraktiver Ort, der für alle Bevölkerungsschichten und alle Altersgruppen Wohnangebote bereithält.“ 

© Simon Ruof
© Simon Ruof

Wie eine Gemeinde zu ihrer Dorfkümmerin kam

Kerstin Hansen-Drechsler ist seit 2016 Dorfkümmerin in Neuenbrook im Kreis Steinburg. Neuenbrook ist als kinderfreundliches Dorf bekannt. Aber irgendwann fingen die Senior*innen an, sich zu Wort zu melden: Niemand kümmerte sich um ihre Wünsche und Sorgen. Es entstand Hansen-Drechslers Stelle der Dorfkümmerin. Zu Beginn wurde sie durch Fördermittel der AktivRegion Steinburg finanziert, mittlerweile ist sie fest bei der Gemeinde angestellt. Sie ist für die Senior*innen im Dorf verantwortlich, die 65 Jahre alt sind und älter – alle Angebote sind kostenfrei oder basieren auf Spendenbasis. Zu ihren Aufgaben zählen beispielsweise das Fahren und Begleiten zu Ärzt*innenterminen, wofür ihr ein gemeindeeigenes Elektroauto zur Verfügung steht: Da das Dorf nur schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden ist, wird dieses Angebot rege genutzt. Durch die Arbeit der Dorfkümmerin ist es den älteren Menschen nicht nur möglich, länger in ihren eigenen Vier-Wänden leben zu können, sondern sie kann durch ihr Angebot Angehörige entlasten. 

In dem Neuenbrooker Gemeindehaus hat Hansen-Drechsler eine Begegnungsstätte etabliert. Das regelmäßige Zusammenkommen und die Geselligkeit wirken der Einsamkeit entgegen. Themen, wie Autofahren im Alter, Umweltschutz oder aktuelle Ereignisse werden dort besprochen. Mit den Jahren, erzählt sie, hat sich eine Vertrauensbasis entwickelt. Kerstin Hansen-Drechsler selbst schätzt ihre Arbeit aufgrund der unterschiedlichen Art des Austauschs; ob ein Plausch an der Haustür oder intensive Kontakte. Für Kerstin Hansen-Drechsler hat das einen ganz besonderen Wert. „Die Dankbarkeit motiviert mich. Bei einigen ist es nur eine Geste – wenn sie nicht so redselig sind – andere sagen mir, dass sie es als etwas Besonderes und nicht als selbstverständlich wahrnehmen.”

Kerstin und die Senior*innen in Neuenbrook erinnern sich vor allem in der Corona-Pandemie wieder daran, was sie am Dorfleben so schätzen. Man wohnt nicht so eng, die Natur ist nah, alle können den Abstand einhalten, ohne groß darauf achten zu müssen. Da fühlt es sich ganz anders an, Teil der sogenannten „Risikogruppe” zu sein. „Wenn man will, kann man auf dem Dorf Geselligkeit haben, aber das ist kein Muss. Zudem sind Städte wie Itzehoe oder Hamburg nicht fern. Das ist schon Luxus.“

Das kann nicht weg!

Diese drei Beispiele zeigen vor allem, dass das Dorf weder ein Sehnsuchtsort, noch eine schrumpfende Einöde sein muss, sondern Potential für echte Transformationen bietet. Es ist in erster Linie ein Lebensort. Hier können selbstverwaltete Strukturen, regional angepasste Lösungen und nachhaltige Strategien erprobt und angewendet werden. Und vielleicht ist der ländliche Raum am Ende gar nicht das allseits beklagte Sorgenkind, sondern ein Vorbild auf dem Weg in eine sozial-ökologischere Zukunft?

Das Bild wurde in Tönning aufgenommen © Anna Glindemann

Disclaimer: Kerstin Hansen-Drechsler, Olaf Prüß und Volker Tüxen, die drei Menschen, mit denen Anna gesprochen hat, kennt sie persönlich. Anna hat sich an sie gewendet, weil sie interessiert hat: Was schrumpft da eigentlich konkret in ihrer Heimat – denn sie kommt aus einem Dorf im Kreis Steinburg – und welche Lösungen werden verfolgt? Jede*r von ihnen hat einen Zugang zum schleswig-holsteinischen ländlichen Raum. Zu Beginn des Schreibprozesses hat Anna sich gefragt, ob sie womöglich selbst durch ihr Urbanistik-Studium und das Leben in fast ausschließlich Städten in den vergangenen Jahren einen anderen, realitätsfernen Blickwinkel auf den ländlichen Raum entwickelt hat.

Was das mit leise zu tun hat:

Der ländliche Raum und das Dorf werden oftmals als ein idyllischer Ort der Ruhe und des Rückzugs imaginiert. Der Weg in die Natur – dem Leisen – ist nah. Anders leise werden ländliche Räume durch natürliche Schrumpfungsprozesse und Abwanderung – weniger Menschen werden in Zukunft auf dem Dorf leben. Diesen Prozessen sollte begegnet werden – doch scheint der laute, städtische Blickwinkel die Probleme des ländlichen Raums zu überschatten.

Literaturempfehlungen

Heike Brückner beschreibt in Passen Postwachstum und Schrumpfung zusammen, dass Schrumpfung in ländlichen Räumen und Wachstum in städtischen Agglomerationen planerisch stärker zusammengedacht werden sollte. Ihrer Meinung nach habe Schrumpfung auch Innovationskraft. Dieser Prozess könne zu einem anderen Verständnis von Wachstum führen. Es gehe darum örtliche Strukturen zu stärken und kleine, selbst imitierte Lösungen, die durch Menschen vor Ort entstehen, zu unterstützen. 

Sigrun Langner greift in (R)urbane Landschaften auf, dass nicht Städte oder ländliche Räume, sondern diese als Zusammenschluss, als Region, schrumpfen oder wachsen. Sie definiert diese Räume als (r)urbane Landschaften. Die Fläche hat dabei vielerlei Aufgaben: Versorgung von Flächen für Gewerbebetriebe, Verkehrsinfrastruktur, die Produktion von Nahrung und Energie.

Sigrun Langner und Maria Fröhlich-Kulik thematisieren in ihrem Vorwort Rurbane Landschaften, dass die Debatte um derzeitige räumliche und gesellschaftliche Transformationsprozesse ihren Fokus auf das Urbane legt. Das Ländliche wird beschrieben als utopischer, naturnaher, gemeinschaftlicher Wohnort in gelebter Solidarität oder aber als raumplanerischer Problemfall, wenn es um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse geht. Deutlich wird, dass es das eine Ländliche nicht gibt, und viel mehr das Urbane und das Ländliche eng miteinander verflochten sind. Hybride Formen, wie Urban Gardening in der Stadt als Dörfliches oder urbanes Leben im Dorf, sind Ausdruck dieser Verbindung. 

Von anna

Anna mag Bücher binden beziehungsweise gestalten – dabei isst sie am liebsten Lakritz und Rote Beete. Sie hat Urbanistik in Weimar studiert und interessiert sich dafür wie Planung gestaltend wirken kann, sodass wir Menschen uns suffizient verhalten können. Sie findet auch, dass es extrem wichtig ist, dass Menschen mehr lernen, Natur zu erfahren. Deshalb hat Anna ein Herz für Umweltbildung. Zu Beginn des Jahres ist Anna zurück in den hohen Norden gezogen und merkt wie wohl sie sich hier fühlt – seitdem erkundet sie ihre Heimat und entdeckt Schleswig-Holstein aus einem anderen Blickwinkel.

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