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Kulturelle versus soziale Linke – der Versuch einer Orientierung

Text und Bilder: Lea Pook

Was bedeutet es eigentlich, links zu sein? Das frage ich mich immer öfter. Die Entstehung der politischen Linken stammt aus Zeiten der französischen Revolution. Kein Wunder, dass diese Orientierung für heutige Fragen manchmal nicht mehr angemessen erscheint… Und ich beobachte, dass mehrere „linke” Menschen auf einem Haufen nicht unbedingt einer Meinung sind, sondern sich in erbitterten Streits, emotionalen Zerwürfnissen und spaltenden Frustrationen verfangen. Obwohl Streit ja etwas Gutes sein kann, erscheint mir das oft wenig konstruktiv. Besonders auffällig sind dabei die Differenzen zwischen sogenannter sozialer und kultureller Linke.

Kulturelle und soziale waaas?

Stark vereinfacht ausgedrückt: Für die soziale Linke geht es zentral um die Ökonomie. Sie bezieht sich vor allem auf das Feld der Arbeit, ihr philosophisches Ziel ist die Gleichheit aller Menschen und sie kämpft in erster Linie gegen die Ausbeutung der Arbeiter*innenklasse. Ihre Aktionsformen sind Streiks und Wahlen, die Organisationsform ist der Staat. Sie ist innerhalb von Parteien und Gewerkschaften organisiert und der vorrangige Gegenstand ihres politischen Handelns ist die materielle Ordnung, also wer wie viel besitzt und was wie umverteilt werden sollte.

Für die kulturelle Linke hingegen geht es um Diskurse und Kultur, um Existenz und Sexualität. Sie besteht in der Mehrheit aus jungen Menschen. Ihre Aktionsformen sind Aktionen, Sabotage und Protest. Statt im Staat, sind sie in Bewegungen, dezentral und horizontal und nicht in einer Partei, sondern in einer Gruppe organisiert oder engagieren sich allein. Ihre Instrumente des Wandels sind Veränderungen im Alltag und der vorrangige Gegenstand des politischen Handelns ist die symbolische Ordnung von Gesellschaften, die sich zum Beispiel in Sprache und Repräsentation widerspiegelt: Wer wird wie viel gehört und gesehen in unserem Alltag, wer und was gilt als normal?

Mit diesen sehr unterschiedlichen Denk- und Handlungsweisen hängen auch sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem richtigen Weg hin zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit zusammen. Der sozialen Linken wird zugeschrieben Gerechtigkeit durch Umverteilung erreichen zu wollen. Die „Ausgebeuteten“ sollen sich vereinigen und so politischen Druck ausüben. Dafür müssen sich alle als gleich ansehen und gemeinsam dasselbe Ziel verfolgen.


Der kulturellen Linken hingegen wird zugeschrieben Gerechtigkeit durch die Anerkennung von Differenzen erreichen zu wollen. Für sie bedeutet Gleichheit, dass alle Menschen auf gleiche Weise teilhaben können, auch wenn sie nicht den etablierten Normen entsprechen. Bis dies der Fall ist, sind die Betonung von Diskriminierung und Unterschieden zwischen der Main-Stream-Gesellschaft und benachteiligten Gruppen für sie der Weg zu mehr Gleichheit. Sich mit anderen zusammenzuschließen und Differenzen zu ignorieren, führe meistens zu erneuter Diskriminierung und dazu, dass der Norm entsprechende Menschen mehr von Veränderungen profitieren, weil alte Machtverhältnisse weiter existieren, die als allererstes geändert werden müssen.

Wer liegt richtig, wer liegt falsch?

Soziale Linke werfen der kulturellen Linken vor, Menschen auf ihre kulturellen Hintergründe zu reduzieren oder sich an diese zu klammern. Die Kritik: So agierten kulturelle Linke teilweise selbst rassistisch und verhinderten die Emanzipation von kulturellen Stigmata.
Die Konzentration auf Anerkennung von Differenzen, sei zudem ein Ersatz dafür, für materielle Gerechtigkeit zu sorgen. Diese Art von linker Politik sei konform mit dem Neoliberalismus, der die vielen Forderungen der verschiedenen Gruppierungen nach Teilhabe zumindest auf der Konsumebene gut befriedigen könne. Dadurch profitiere vor allem der neoliberale Kaptalismus und wirke auch noch progressiv, wodurch es immer schwieriger werde, ihn abzuschaffen oder zu regulieren.
Kritiker*innen von dieser Seite beklagen auch, dass das Label „links“ heute für Überheblichkeit, komplizierte Begrifflichkeiten und die „richtige“ Sprache stehe und damit viele Menschen ausschließe. Diese Art von linker Politik ignoriere die Abstiegsängste der Mittelschicht und sei stattdessen nur an der Durchsetzung der eigenen moralischen Sichtweise interessiert. Die „Kulturlinke“ habe so den Blick für die Notwendigkeiten von Menschen mit anderen Hintergründen verloren und verallgemeinere ihre eigene, relativ privilegierte Position. Dadurch werde rechten Kräften Aufschub verliehen.

Umgekehrt wirft die kulturelle Linke der sozialen vor, konservative Werte zu vertreten, rassistisch und sexistisch zu sein und in Bezug auf Klimafragen aus dem letzten Jahrhundert zu stammen. Die Weigerung sich mit Diskriminierungen auseinanderzusetzen, resultiere daraus, dass Menschen der sozialen Linken ihre, von althergebrachten Machtstrukturen geprägten Denkweisen nicht hinterfragen und sich nicht auf die Komplexität der heutigen Zeit einlassen wollen. Sie schaffen es nicht emanzipatorische Entwicklungen in ihre Organisation einzubeziehen und versuchten mit Ansätzen aus einer alten Zeit heutige Probleme zu lösen. Auch der Staat sei verhaftet in diesen alten Logiken und deshalb kein nützliches Instrument auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit. Die Vorwürfe, dem Neoliberalismus in die Tasche zu wirtschaften, seien schlichtweg falsch und dienten dem eigenen Machterhalt. Im Gegenteil seien die meisten Ansprüche für mehr Anerkennung historisch betrachtet, mit der Forderung nach materieller Umverteilung verknüpft gewesen und hätten so Umverteilungspolitik überhaupt erst über neoliberale Zeiten hinweg gerettet.

Oft wirkt es während dieser Streitereien, als fehle den beiden Seiten das gemeinsame Vokabular und als blockierten sie sich in ihrer Handlungsfähigkeit. Viele Menschen jedoch sehen auch Potenzial darin, durch die Verknüpfung der beiden Ansätze neue und zeitgemäße Begriffe der Gerechtigkeit zu entwickeln: Zum Beispiel könne die soziale Linke von der kulturellen Linken lernen, das Mehr-Wachstum und ihre diskriminierungs-politische Blindheit zu hinterfragen. Die kulturelle Linke könne lernen, sich breiter aufzustellen und gesellschaftlich mehr Menschen zu erreichen und miteinzubeziehen.

Wie löst man das Problem?

Bei all dieser Theoretisiererei und Betonung von Differenzen und Konflikt interessiere ich mich eigentlich besonders dafür, wie eine Kommunikation zwischen den beiden Seiten möglich ist. Ich frage mich, wie konkrete Praxisbeispiele aussehen, die zeigen, wie nicht der Machtkampf, sondern die gegenseitige Bereicherung in den Mittelpunkt gestellt werden können. Ich will wissen, wie es in Schleswig-Holstein in Bezug auf diesen Konflikt aussieht, wo es Probleme, aber vor allem, wo es Erfahrungen über die scheinbar trennenden Grenzen hinaus gibt.

Die Rosa Luxemburg Stiftung auf Bundesebene sieht sich explizit als Übersetzerin und Vermittlerin zwischen kultureller und sozialer Linker. Ich wende mich also an Sebastian Klauke, ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Rosa Luxemburg Stiftung (RLS) Schleswig-Holstein, in der Hoffnung mehr über die Situation vor Ort herauszufinden.

Und das tue ich auch, nur ganz anders als gedacht. Denn was ich herausfinde: Der Konflikt existiert in der RLS Schleswig-Holstein in der Form nicht und Klauke selbst hat bisher keine Erfahrungen mit feindlichen Lagern gemacht. Weder bei Besucher*innen oder linken Gruppierungen, die von der RLS gefördert werden, noch im eigenen Team, welches monatlich zusammenkommt und über zu fördernde Projekte diskutiert: „Bei uns gibt es da keine harten Auseinandersetzungen und klare Frontstellung zwischen dem einen und dem anderen.“ In neun Jahren habe er nicht erlebt, dass das Team „an irgendein Ende der Kommunikation gelangt“ sei. Auch „Moral oder richtig-und-falsch spielt für die Analyse gar keine Rolle, sondern die Angemessenheit der Analyse.“ Klauke kennt den Konflikt höchstens „auf höherer Ebene in Debatten in einschlägigen linken Zeitschriften und anderen Publikationen […]. Aber das spielt für unsere unmittelbare Kommunikation hier vor Ort keine Rolle.“

Ein paar Dinge finde ich trotzdem heraus. Nämlich, dass ein wichtiger Aspekt für die Moderation zwischen den beiden Seiten die Toleranz von Ambivalenzen ist. Denn, klar müsse jeder Mensch seine oder ihre Meinung vertreten können, aber genauso klar sei, dass er oder sie auch andere Meinungen hören können müsse. Erst daraus könne sich die politische Auseinandersetzung darüber ergeben, wie das Verhältnis zwischen sozialer und kultureller Linke zu interpretieren sei: „Wir lehnen es ab, wenn eine der beteiligten Parteien für sich reklamiert: Das ist DIE Wahrheit und die anderen Positionen zählen nichts mehr,“ betont Klauke. Wenn man das beherzige, wisse man immer, dass „es über den engen eigenen Horizont hinaus noch andere Logiken gibt, die eine Rolle spielen.“

Besonders wichtig sei es, die Forderungen der beiden Seiten nicht gegeneinander auszuspielen, sondern sie als gleichberechtigt anzuerkennen. „Es geht uns darum in beide Richtungen zu wirken und auf die Krisenphänomene und Probleme in beide Richtungen aufmerksam zu machen.“ Alles müsse zusammengedacht werden. Ziel der RLS sei es, auf der Höhe der Zeit zu sein und die eigene Gesellschaftsanalyse anzupassen. Da die kapitalistische Gesellschaft eine komplexes Ganzes sei, welches aus verschiedenen Teilbereichen bestehe, die sich teilweise widersprächen, sei klar, dass man „das nicht auf eine Schiene verengen“ könne.

Zudem scheint es wichtig zu sein, die größere Perspektive nicht aus dem Augen zu verlieren. Auf meine Frage, ob die kulturelle Linke mit ihren Forderungen nach Anerkennung dem neoliberalen System in die Tasche spiele, erwidert er: „Das Problem besteht immer. So funktioniert Politik in einem kapitalistischen System, das sich permanent selbst stabilisieren muss. Es nimmt Kritik auf und integriert sie. Das betrifft nicht nur die Frage von Anerkennung, sondern alle möglichen Debatten. Diese Pauschalkritik bringt dementsprechend auch nichts, weil sie realitätsfern ist.“ Das Problem ist also kein spezifisches Problem der kulturellen Linken, sondern ein generelles.

Das Hauptproblem für eine erfolgreiche Kommunikation identifiziert Klauke in der Frage nach der Organisation. Dieses gilt generell für die Linke, aber auch für den Kontakt zwischen sozialer und kultureller Linke sei es wichtig, Orte zu haben, an denen Gemeinsames entstehen kann. Daran mangelt es zurzeit.

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Ist die Linke also gar nicht so zersplittert wie es scheint und es wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht, wenn man die Differenzen als unüberbrückbar darstellt? Zum Ende des Gesprächs mit Sebastian Klauke jedenfalls scheint es mir, dass entweder ganz schön viel Aufregung um ein Thema gemacht wird, welches gar nicht zu Problemen führen muss oder dass der Konflikt die RLS Schleswig-Holstein einfach noch nicht erwischt hat.
Oder ist die Meeresluft so betörend, die Gemüter dermaßen entspannt, sodass es einfach nie zu Streit kommt?

Egal, welche die Antwort ist, erscheint es mir weiterhin notwendig, sich Gedanken um eine Konzeption von linken Forderungen zu machen, die einen möglichst großen Zuwachs an Gerechtigkeit für möglichst viele Menschen zur Folge haben. Dafür ist es einerseits wichtig, Kritik ernst zu nehmen und sich Gedanken über gemeinsame Handlungsmöglichkeiten zu machen, aber auch einer guten Praxis der Kooperation womöglich mehr Gewicht zu geben, als theoretischen Streits, in denen oft reduktionistisch argumentiert wird. Ich jedenfalls nehme mir vor, Augen und Ohren offenzuhalten und weiter nach Antworten und Perspektiven zu suchen.

Und du? Hast du vielleicht Ideen, an wen ich mich wenden kann, um mehr zu erfahren und andere Perspektiven zu beleuchten? Schreib mir gern!

Was das mit leise zu tun hat:

Das lässt sich am besten an den vielen Fragen ablesen, die zum Entstehen dieses Artikels geführt haben: Sind die Forderungen nach Umverteilung und sozialer materieller Gerechtigkeit leise geschaltet durch den Erfolg des Neoliberalismus, der die linke Bewegung vereinnahmt hat? Werden Arbeiter*innen leise gehalten in einem Diskurs, der sich um hedonistische Lifestyle-Fragen dreht? Oder geht es um einen Machtkampf, bei dem progressive Bewegungen zum Schweigen gebracht werden sollen, weil sie die alte Ordnung in Frage stellen und von der Linken verlangen, dass sie sich neu aufstellt, dass die alten weißen Männer sich hinterfragen und für mehr Menschen gekämpft wird, als nur für den Industriearbeiter? Werden Stimmen aus dem Globalen Süden leise gestellt, wenn wir hierzulande für unsere Arbeitsplätze in der Kohleindustrie kämpfen? Wer steht an oberster Stelle auf der Gerechtigkeitsliste? Oder existieren diese Frontlinien überhaupt nicht und ist das in erster Linie eine theoretische und mediale Konstruktion, die in der Praxis sehr gut aufgehoben werden kann? Wenn ja, wie? Kurz: Die Identifikation des Leisen scheint für die Definition von Gerechtigkeit, Gleichheit und linker Politik ein wichtiger Ausgangspunkt zu sein.

Von lea

Lea steht mega auf Hunde, spontane nächtliche Frisurenwechsel und echte Ehrlichkeit.
Sie interessiert sich, laut eigener Aussage, „für zu viele Dinge“. Um mögliche kognitiven Dissonanzen abzumildern und im Idealfall auch noch die meisten globalen Probleme zu lösen, wünscht sie sich manchmal, dass alles kleiner, regionaler und langsamer wird: Schleswig-Holstein ist da genau der richtige Ort. Außerdem kann man hier gleichzeitig im Wald und am Meer sein. Und das ist für Lea Luxus pur!

Eine Antwort auf „Kulturelle versus soziale Linke – der Versuch einer Orientierung“

[…] welche Seite das „richtige” Leise vertritt, die „richtige” Gerechtigkeit gefunden hat. Dafür hat unsere Autorin Lea mit Sebastian Klauke von der Rosa Luxemburg Stiftung SH gesprochen. In Schleswig-Holstein hat fast jede Stadt, jede Uni, und jede Kommune so eine* Expert*in: […]

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