zukunftsgestalten

Lost in Transformation

Text:  Björn Barutzki – Bilder: Emely Pieper und Lisa Boll Titelfoto: Derek Storm © Splash News

Harder, Better, Faster, Stronger ist nicht nur der Titel eines Daft Punk-Klassikers, sondern auch Slogan einer Art Denke, die maßgeblich die Vorstellungen darüber prägt, was es bedeutet, heutzutage Mensch zu sein, was ein gutes Leben ausmacht und welche Zukunftshoffnungen im gesellschaftlichen Diskurs Platz finden.

Björn meditiert viel und das tut ihm gut. Das ändert nichts daran, dass er Achtsamkeit und Resilienz im Zeichen der Selbstoptimierung kritisch sieht. Über die Notwendigkeit kollektiver Reflexion für eine zukunftsfähige Transformation sprach er im Januar 2020 im Rahmen der Konferenz zukunft(s)gestalten in Flensburg – ein Vortrag, den es jetzt bei trotzdem in überarbeiteter Form zu lesen gibt.

Die Zukunft sieht in vielen Werbungen und Filmen aus wie die Gegenwart – nur noch schneller, technologisierter und besser. Viele Erzählungen schaffen es dabei nicht über den Touchscreen des nächsten iPhones hinaus zu denken. Die Verheißungen des Fortschritts scheinen uns Beschleunigung, Wachstum und Innovation geradezu aufzuzwingen. Wohlstand und Wachstum sind dabei ein untrennbares Duo. Im Privaten wie im Öffentlichen geht es immer mehr darum, das eigene Leben, die eigene Arbeitskraft, das Geschäftsmodell zu optimieren und den Spielregeln des Marktes anzupassen. Das dazu passende Mantra beschreibt Christoph Sanders vom Konzeptwerk Neue Ökonomie in seinem Essay Analyse der Wachstumskultur (2016) wie folgt:

Beschleunige dein Leben, um deine Ressourcenausstattung zu vergrößern, möglichst viele Lebenswünsche zu realisieren, nicht abgehängt zu werden und dadurch selbstbestimmt und authentisch zu sein.

Dieser Drang nach immer schnellerer Expansion kann als eine Form von mentalen Infrastrukturen beschrieben werden. Das sind selbstverständliche und daher meist unbewusste Denkformen – in denen wir existieren. Doch diese Ausbreitung bringt nicht nur die Ökosysteme, mit denen wir leben, an ihre Grenzen, sondern auch unser Innenleben immer mehr in Bedrängnis.

Das Fahrrad darf nicht umfallen

Wir können uns den Wachstumszwang als Dynamik vorstellen, die sowohl die einzelne Person, wie auch Gesellschaften als Ganzes im Griff hat, indem wir nicht nur unser berufliches, sondern mehr und mehr auch unser privates Leben danach ausrichten. Es geht darum, mehr Geld zu verdienen, mehr Möglichkeiten zu haben, mehr Mehr zu haben. Unsere gesamte Wirtschaft wird nur auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP)  ausgerichtet, dessen Steigerung das Ziel alles ökonomischen Tuns ist. Wir erhoffen uns daraus, das bestehende Gesellschaftssystem aufrechtzuerhalten und für möglichst viele Menschen Wohlstand zu erzeugen, merken aber auch zunehmend, dass mehr BIP nicht glücklicher macht, sondern uns immer weiter unter Druck setzt.

In der Soziologie wird dieser Umstand mit der sperrigen Formulierung der dynamischen Stabilisierung kapitalistischer Systeme beschrieben. Man kann sich das Ganze wie ein beschleunigendes Fahrrad vorstellen, dessen Fahrstabilität von der Zunahme an Geschwindigkeit abhängig ist. Das Bild einer Rolltreppe, auf der man sich entgegen der Fahrtrichtung zu bewegen versucht, verdeutlicht diese Dynamik: Die Menschen müssen immer in Bewegung bleiben, um nicht auf der Stelle zu treten – denn im schlimmsten Fall wartet bei Stillstand der gesellschaftliche Abstieg. Dass diese Systemlogik sowohl ihren ökologischen Preis hat – Stichwort Klimakrise –, als auch in die Psychen der Menschen eindringt, sehen viele Wissenschaftler*innen in steigenden Burnout- & Depressionsraten bestätigt. In unserer Leistungsgesellschaft muss man schließlich erstmal ‘gebrannt’ haben, um ausbrennen zu können – das Burnout als Erschöpfungskrankheit wird somit sogar zum Ausdruck der eigenen Produktivität und seine Vorbeugung lässt sich in diversen Formen auf dem Markt erwerben: als Yogaretreat und Meditationsapp, Achtsamkeitstraining und Resilienzcoaching.

Neoliberalismus als Veränderung der Seelen

Die Anfänge dieser Wachstumsdynamiken findet man in den 1970er, als sich in immer mehr Staaten die neoliberale Logik durchgesetzt hat. Die  Politik der Privatisierung, Deregulierung und Individualisierung hat in den letzten Jahrzehnten eine beeindruckend erschreckende Karriere im globalen Maßstab gemacht.

Economics are the method: The object is to change the soul

erklärte Margaret Thatcher 1981 in einem Interview mit der Sunday Times. Es geht bei der Neoliberalisierung der Gesellschaft um weit mehr, als um die ökonomische Effizienzsteigerung der Wirtschaft – die Umstrukturierung des Bewusstseins ist vielmehr das Ziel: Privatisierung von Staatseigentum geht dabei Hand in Hand mit der Privatisierung der Verantwortung für das eigene Leben. Es geht letztlich um nicht weniger als eine grundlegende Mentalitäts- & Verhaltensmodifikation, die am Leistungsprinzip der individualisierenden Wettbewerbslogik orientiert ist. Begriffe wie Humankapital, Ich-AG oder Selbstmanagement machen deutlich, wie sehr wir uns heutzutage als Firmenchef*innen unseres eigenen Lebens verstehen (müssen). Es geht dabei stets darum, sein Tun und Handeln in der Welt daran zu orientieren, was zur „Steigerung der Resilienz und Selbstverwertung des Unternehmens bei[trägt], das man selbst ist”, schreibt die Soziologin Barbara Muraca.

Resilienz zwischen Transformation und Krisenmanagement

In einer Zeit, in der der Zukunft mit zunehmender Unsicherheit begegnet wird und in der die Rede von Vielfach- & Metakrisen ist, entwickelt sich eine neue Denkfigur – die der Resilienz. Beschrieb der Resilienzbegriff ursprünglich die Materialfähigkeit eines Objekts, sich nach Deformation in den alten Zustand zurückzubilden, wird er inzwischen allgemein für die Widerstandsfähigkeit von Systemen benutzt. Auch vor dem Hintergrund der Klimakrise geht es darum, unsere Systeme so zu transformieren, dass sie beispielsweise widerstandsfähiger gegenüber extremen Wetterereignissen werden. Nicht zuletzt durch die Covid-19-Pandemie ist der Begriff aus dem öffentlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken.

Kritisiert wird jedoch, dass Resilienz als politisches Leitmotiv den Fokus zu sehr auf das Krisenmanagement lege. Die Gestaltung besserer Zukünfte gerät dabei in den Hintergrund. Die Analyse der Burnoutgesellschaft, die nicht nur ihre natürlichen, sondern auch ihre psychischen Ressourcen so aufbraucht, dass sich diese nicht mehr im Zyklus natürlicher Regenerationsprozesse zurückbilden können, verbindet die individuelle mit der kollektiven Handlungsebene. Anpassung und Vorbeugung sind bei beiden die Hauptstrategien der Krisenbegegnung. In der psychologischen Resilienzforschung steht dementsprechend stets die Frage nach der Krisenbewältigung im Vordergrund. Die Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen der Krise wird hingegen viel seltener thematisiert. Die Verantwortung für das eigene Leid wird dem Individuum zugeschoben, dem gesellschaftlichen Kontext wird eine umgebende, aber keine zu verändernde Dimension zugesprochen.

Die vermeintliche Lösung wird Teil des Problems: Die individualisierte Praxis der Achtsamkeit als resilienzsteigernde Strategie ist folglich eine, die in neoliberaler Manier die Verantwortung dem oder der Einzelnen zuschiebt. Gleichzeitig findet eine Entpolitisierung statt – die Ursachen der Systemkrise werden so nicht angerührt. Wenn wir denken, dass wir nur uns selbst ändern müssen, um resilienter zu werden, dann kommen wir nicht auf die Idee, das politische und wirtschaftliche System zu hinterfragen. So kritisiert die Resilienzforscherin Stefanie Graefe die krisenfeste Persönlichkeit als eine, die „keinen Bedarf [hat], das System zu verändern; sie verändert sich selbst“.

Achtsamkeit im Umgang mit kollektiven Krisen

Achtsamkeit kann also als Technik gesehen werden, die der neoliberalen Logik von Thatchers fehlender Gesellschaft folgt. Dass Gesellschaft nicht einfach gegeben ist, sondern von Menschen verändert werden kann, gerät bei der Fokussierung auf die individuelle Lebensgestaltung in den Hintergrund. Der achtsame Umgang mit den eigenen Ressourcen stellt dann zwar eine wirksame Praxis der individuellen Gesundheitsförderung dar, kann aber ihr emanzipatorisches Potenzial nicht ausschöpfen, wenn sie ausschließlich dem Zweck der Selbstoptimierung dient. Es werden weder gesellschaftliche Transformationen, noch konkrete Veränderungsprozesse hervorgerufen. Eine emanzipatorische Achtsamkeitspraxis, die nicht nur dem eigenen Stressmanagement dient, sondern den Fokus zusätzlich auf kollektive Krisen lenkt, muss deshalb versuchen, die eigene Selbsttransformation zu politisieren. 

Wie kann so eine Achtsamkeitspraxis emanzipatorische Kräfte entwickeln? Der Psychologe Marcel Hunecke  konzipiert Achtsamkeit als eine von sechs psychischen Ressourcen mit denen der oder die Einzelne sich bei der kollektiven Gestaltung von möglichen Zukunftsentwürfen einbringen kann, die unabhängiger vom gegenwärtigen Wachstumsimperativ sind. Über den Fokus auf das unmittelbare Erleben und Wohlbefinden hinaus erweitere die Achtsamkeit das Bewusstsein für Sinnfragen. Diese Bewusstseinserweiterung sieht er im Zusammenspiel mit weiteren Ressourcen wie Genussfähigkeit, Selbstakzeptanz und Selbstwirksamkeit als Grundlage dafür an, das subjektive Wohlbefinden von materiellen Werten zu lösen und dadurch Räume zu öffnen, in denen gemeinschaftlich gehandelt werden kann. Solidarität ist dabei eine zentrale Brückenressource, die die anderen Ressourcen verstärken kann, indem sie vom individuellen zum kollektiven Handeln motiviert.

Von einsam zu gemeinsam

In Zeiten von zunehmender Unsicherheit gegenüber der Klimakrise, der Digitalisierung als Disruption der Arbeitswelt und dem Aufflammen rechter Strömungen in Politik und Gesellschaft – um nur einige Beispiele zu nennen – stellt uns die Beschäftigung mit der eigenen Psyche vor die Frage, was es bedeutet, als Menschen zusammen zu leben. Unsere Aufgabe dabei muss sein, die Kritik von einer individualisierenden Praxis der achtsamen Resilienzsteigerung hin zu einem Verständnis sozialer Achtsamkeit zu entwickeln. Als Werkzeug für kollektives Handeln können wir diese ganzheitliche Achtsamkeit dafür nutzen, den machtlosen Stress, den wir als Individuen verspüren, in die Energie und Resilienz zu transformieren, die es uns erlaubt, gemeinsam an einer zukunftsfähigen Zukunft zu arbeiten. Die Metakrise als Krise der Wahrnehmung, als Krise der Beziehung zu uns selbst, zueinander und zu unserer Welt zu begreifen, kann hierbei allerdings nur ein Anfang sein. 

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Hier findest du weitere Literatur zu dem Thema:

Dardot, P.; Laval, C. (2013). The New Way of the World: On Neoliberal Society. Verso: London & New York. 

Graefe, S. (2019). Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit. transcript Verlag: Bielefeld.

Muraca, B. (2019). Degrowth: Eine radikale Alternative zum Neoliberalismus. In Christ, M.; Sommer, B.; Stumpf, K. (Hg.). Transformationsgesellschaften – zum Wandel gesellschaftlicher Naturverhältnisse.  (Ökonomie und Gesellschaft. Jahrbuch 30, S. 143–163). 

Sanders, C. (2016). Analyse der Wachstumskultur – mentale Infrastrukturen revisited. In Erdverbunden. Eine neue Politik für unsere Böden (politische ökonomie 3, S. 132–135). 

Von redaktion

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