trotzdem

Mensch–Natur: Wir müssen die Beziehung retten!

Text: Anna-Katharina Demes – Bilder: Marius Gehron

Die Erde mit ihren verschiedenen Ökosystemen, mit ihren Meeren, Seen, Wäldern, Wüsten und Wiesen gibt es seit Milliarden von Jahren, also schon immer. Tier- und Pflanzenarten verschwanden, passten sich an und entstanden neu. Dann ist vor vielen Tausend Jahren der Mensch aufgetaucht und hat angefangen sich die Welt so zu gestalten, wie er sie verwenden will. Er reißt Wälder ab, baut Häuser, Straßen — ja, ganze Städte. Er trocknet Seen aus, leitet Flüsse um, bepflanzt Wiesen und Gärten mit genau den Pflanzen, die er am schönsten findet und legt Felder mit Getreidearten so an, dass es, vom Weltraum aus betrachtet, aussieht wie ein ordentlicher, mit dem Zollstock ausgemessener, Flickenteppich. Er ist sehr erfolgreich damit. So sind nur noch wenige Stellen des Planeten wirklich unberührt und ursprünglich, der Rest ist verändert. 

Der Mensch will nicht nur die Natur für seine Zwecke gestalten, er will die Natur bezwingen, ihr trotzen  — sich von ihr entfernen  und sich selbst unabhängig machen: Pflanzen sind genetisch so verändert, dass sie resistenter gegenüber Schädlingen sind oder schneller wachsen. Mit Pestiziden stellt er sich der Natur entgegen, die seine Nutz- und Zierpflanzen bedroht. Durch elektrisches Licht kann der Dunkelheit in der Nacht getrotzt werden und durch ausgetüftelte Heizsysteme der Kälte, mit Hilfe von Deichen dem Meer und mit Hilfe von Mauern anderen Menschen.

Der Mensch hat sich die Welt und die Natur (und sich selbst) verfügbar gemacht. Er kann sie kontrollieren und trotzt ihr.

Besonders im Globalen Norden beherrscht dieser Kampf gegen die Natur auch die mentalen Infrastrukturen — also die Art und Weise, wie über die Welt nachgedacht wird. Der Mensch hat sich in der Aufklärung einen Dualismus — eine Zweiteilung — geschaffen. Er hat die Welt so aufgeteilt und redet sich ein, dass es auf der einen Seite den zivilisierten Menschen mit seinen Städten, seiner geplanten und erschaffenen Welt gibt und auf der anderen Seite die Natur (mit den Wilden, Unzivilisierten): Der Mensch ist kein Teil dieser Natur. Gesellschaft und Natur sind zwei voneinander unabhängige Bereiche. 

Dass das wirklich so ist, wage ich zu bezweifeln:  

Wer trotzt, muss mit Folgen rechnen. Denn Trotz provoziert und das Gegenüber nimmt dies in den meisten Fällen nicht einfach hin. Es reagiert, wehrt sich, „trotzt zurück“.  So auch die Natur.

Aus literarischen Gründen vermenschliche ich die Natur hier bewusst. So lässt sich der Sachverhalt überspitzt, aber klarer darstellen. Denn natürlich trotzt sie nicht wirklich, sondern macht einfach ihr Ding. Das tut sie auf zweierlei Weisen. Zum Einen, indem sie einfach mit ihrem Kreislauf weiter macht und sich an die neuen Umstände anpasst: Vögel nisten in Wasserrinnen. Wespen, Spinnen und andere unbeliebte Krabbeltiere richten sich ein auf unseren Dachböden. Mäuse genießen das Buffet im Kartoffelkeller. Unkraut wächst uns über den Kopf. Termiten und Holzwürmer bringen Häuser zum Einstürzen – Wurzeln zerstören mühevoll geteerte Radwege  – Unwetter, Buschfeuer und andere Extremwetterereignisse zerstören alles, was auf ihrem Weg liegt.

Zum anderen sind da noch die Nebenwirkungen, die der Mensch nicht mit einrechnet: Atommüll, der für alles Lebendige gefährlich ist. Zahlreiche “Umweltrisiken” hängen mit vielen der „Trotz-Erfindungen“ der Menschen zusammen. Plastik, das langsam in Form von Mikroplastik über unsere Ernährung zu uns zurück gelangt. Insektizide, ein Mittel, mit dem es gelungen ist, der Natur zu trotzen und Insekten daran zu hindern, unserem Getreide und Früchten zu schaden, führt zum Aussterben vieler Insektenarten. Das wiederum hat Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem, in dem der Mensch ein Teil ist. Oder CO2. Verursacht von unterschiedlichsten  „Trotz-Erfindungen“, führt es zu Veränderungen des globalen Klimas, und kommt zurück zu uns — mit einer herben Retourkutsche. 

Es entsteht das Bild eines sich gegenseitig bestärkenden Wettlaufes, bei dem eine Trotzhandlung eine Gegen-Trotzhandlung hervorruft, die ihrerseits wieder eine Trotzhandlung hervorruft. Und so weiter. Die Frage drängt sich auf, ob der Mensch der Natur wirklich trotzen kann oder ob es nur ein unerreichbarer Wunsch nach absoluter Macht ist, der entsteht, wenn der Mensch denkt, dass er unabhängig und kein Teil der Natur ist — wenn er denkt, dass er über den Dingen steht. 

Betrachtet man das Ganze mit Distanz, so ist der Mensch doch nur ein Teil. Er gehört genauso zu dem System wie die Biene, der Baum und das Unkraut. Daher muss man sich eigentlich wundern, dass der Mensch sich wundert, dass er der Natur nicht endgültig  trotzen kann und dass sie zurück trotzt. Denn der Mensch ist ein Teil der Natur und trotzt mit jeder Trotzhandlung letztendlich auch sich selbst. Die Welt wird ihm niemals vollständig verfügbar sein. 

Kann man sich etwas Lebendiges überhaupt je wirklich ganz und gar verfügbar machen? Wird es nicht immer unvorhergesehen reagieren und trotzen? 

Trotzdem – es kann auch wichtig sein zu trotzen! Viele „Trotz-Erfindungen“ sichern das Überleben der Menschen, wie zum Beispiel Medikamente und Operationsmethoden. Aber der Zeitpunkt ist schon längst überschritten, an dem die Erfindungen das eigene Leben sichern. Viele der “Trotz-Aktionen” des Menschen finden längst nur noch statt, um alles zu unterwerfen und die eigene Macht zu demonstrieren. – Wann wird dem Menschen deutlich, dass er seine Umwelt niemals völlig unterwerfen kann, da jede seiner Handlungen Gegenreaktionen hervorruft, die auch ihn betreffen, da er und die Natur auf ein und derselben Erde leben, Teil ein und demselben Systems und unwiderruflich miteinander verbunden sind? Die Menschen müssen weg von der Idee des Dualismus von Mensch und Natur. Fangt an die Natur als eure Schwester wahrzunehmen und nicht als eure Feindin! Ihr sitzt in ein und demselben Boot. Also fangt an umzudenken!

Von anna-katharina

Anna liest sehr gerne Bücher, außerdem mag sie Filme und Konzerte. Sie macht sich viele Gedanken, um die Welt und was in ihr passiert. Um Antworten auf ihre Fragen zu finden, schreibt sie über Hintergründe und Zusammenhänge - insbesondere über Gerechtigkeits- und Naturthemen. An Schleswig-Holstein mag sie die Nähe zum Meer.

6 Antworten auf „Mensch–Natur: Wir müssen die Beziehung retten!“

Hi, gut geschrieben und auch schöne Fotos dazu. Beides sehr professionell.
Macht weiter so.
Grüße aus dem Münsterland
Thomas

Der Beitrag zeigt auf, was uns erwarten wird, wenn wir nicht umdenken und einlenken. Das für uns sichtbare Austerben von Tieren und Pflanzen sollte uns eine Mahnung sein, denn wir werden diesen unweigerlich folgen, sollte eine Umkehr nicht gelingen. Das einzig tröstliche daran ist, dass dem dann eine Zeit folgen wird, in der die Natur wieder im Einklang ist. Sehen werden wir das dann nicht mehr, aber Gedanke daran versöhnt.
Herzliche Grüße aus dem Landkreis Fulda.
Uwe

Ein toller Artikel, in Wort, Bild und Aufmachung. Sehr passend und ansprechend gemacht.
Auch die jetzige Situation ist Evolution. Für uns „leider“, die Natur wird, wie auch immer, weiterbestehen.
Viele Grüße aus Hessen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.