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Think Tiger, act Haselmaus! Wie geht es eigentlich den Tieren Schleswig-Holsteins?

Text: Anna-Katharina – Bilder: Laura und Emely

Fast jede*r hat schonmal eine Petition für die Rettung der Sumatra-Tiger in Indonesien unterschrieben oder eine Dokumentation über bedrohte Tierarten im tropischen Regenwald gesehen. Aber wer hat schonmal eine Petition zur Rettung der Haselmaus oder des Braunkehlchens unterschrieben? Nicht nur „exotische” und „coole” Tiere, wie der Sumatra-Tiger, sondern auch ganz „normale“ und „alltägliche“ Wildtiere bei uns in Schleswig-Holstein sind vom Aussterben bedroht.

Nach Schätzungen sterben weltweit täglich zwischen 50 und 150 Arten aus – sie verschwinden einfach von der Erde. Auf der sogenannten Roten Liste werden alle Tierarten aufgelistet, die weltweit vom Aussterben bedroht sind.

Das Aussterben von Arten ist zwar ein natürlicher Prozess, der schon immer passierte und immer passieren wird – gegenwärtig ist allerdings größtenteils der Mensch und seine destruktive, ausbeuterische Lebensweise dafür verantwortlich. Das Artensterben hat ganz verschiedene Auslöser, die sich mitunter gegenseitig verstärken: Tötung durch Menschen, Krankheiten, Nahrungsmangel, klimatische Bedingungen oder Lebensräume verändern sich oder werden unbewohnbar. Durch Zerschneidung wird Wanderverhalten und der Austausch zwischen Populationen verhindert sowie viele weitere.

All dies führt dazu, dass weniger Nachkommen geboren werden oder die Arten weniger Platz haben und deshalb kontinuierlich weniger werden. 

Aber kann es uns Menschen nicht egal sein, wenn ein paar Arten verschwinden? Zwar traurig für die Tiere, aber nicht für uns. Die meisten kennen wir nicht mal und solange der Haushund und putzige Trendtierchen, wie Faultier, Lama und Co., nicht verschwinden, ist doch alles gut. Doch daran stimmt leider gar nichts. Eine möglichst große Vielfalt an Arten ist für alle überlebenswichtig: Jede Art an Land, in der Luft und im Wasser lebt in einem System, in dem sich alles gegenseitig bedingt. Das bedeutet: Verschwindet eine Art, hat das Auswirkungen auf alle anderen Arten. Je artenreicher ein Ökosystem ist, desto widerstands- und anpassungsfähiger ist es gegenüber Veränderungen, wie beispielsweise heißer werdenden Sommern. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je weniger Arten, desto angreifbarer und verletzlicher wird alles. Und obwohl wir das offensichtlich nicht wahrhaben wollen: Auch der Mensch ist Teil dieser empfindlichen, komplexen wechselseitigen Abhängigkeit, auch er ist von den Konsequenzen betroffen – und zwar so richtig.

Dass viele Arten weltweit aussterben wird zwar oft laut beklagt, aber meistens bleiben die dazugehörigen Informationen abstrakt. Zahlen, Statistiken, Balkendiagramme. Das eigentliche Verschwinden der Tierarten passiert meist leise und unbemerkt. Besonders, wenn sich für die betroffene Tierart kaum jemand interessiert. Da man sich aber meist mehr um das Bekannte sorgt, lohnt es sich einen Blick in die nähere Umgebung zu werfen. 

Welche Tierarten in Schleswig-Holstein sind wohl vom Aussterben bedroht oder schon lange unbemerkt verschwunden?  

Wo sind die Tiere Schleswig-Holsteins hin?
Die Haselmaus

Die Haselmaus (lat. Muscardinus avellanarius), wird auf der Roten Liste für Deutschland unter Gefährdung unbekannten Ausmaßes geführt. Die kleinen Haselmäuse gehören gar nicht zu den Mäusen, sondern, wie die Siebenschläfer, zu den Bilchen. Die huschigen Tiere, führen ein leises und, für Menschen, unbemerktes Leben, da sie nur in der Dämmerung und nachts aktiv sind. Sie lieben es, sich zu verstecken und halten sich gerne in naturnahen Wäldern, dichten Hecken und Feldgehölz auf. Doch diese artenreichen sogenannten Saumstrukturen werden durch nutzbarmachende Naturgestaltung immer weniger, wodurch die Haselmäuse ihren Lebensraum verlieren (Deutsche Wildtierstiftung). Um die kleinen Nager zu schützen, kann man fruchttragende Wildsträucher pflanzen, wie beispielsweise wilde Brombeerhecken. Eine größere Aktion hat die Deutsche Wildtier Stiftung in der Nähe von Klein Kummerfeld gestartet (ein kleines Dorf im Herzen von Schleswig-Holstein). Sie haben einen circa zwei Hektar großen ehemaligen Maisacker in ein artenreiches Waldstück umgewandelt. Auch die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein hat im Zuge ihres Wiedervernetzungprogrammes entsprechende Saumstrukturen geschaffen, durch die die Haselmaus nun wandern kann und sich so Haselmäuse aus verschiedenen Populationen miteinander vermehren können. 

Das Braunkehlchen

Das Braunkehlchen (lat. Saxicola rubetra) wird auf der Roten Liste als stark gefährdet gelistet und auch bei uns in Schleswig-Holstein verschwinden immer mehr der niedlichen Vögel. Das bräunlich-orangefarbene Braunkehlchen nistet vor allem am Boden, geschützt am Fuß einer großen Staude oder Busches, und nicht auf Bäumen. Doch diese Räume zum Nestbau und Brüten werden durch die Intensivierung und Ausbreitung der landwirtschaftlichen Flächen immer weniger. Ehemals artenreiche Wiesen sowie Heide- und Moorlandschaften wurden zu Ackerland, zu Nadelwäldern oder wirtschaftlich nutzbaren Wiesen umgewandelt. Diese Wiesen müssen mehrmals im Jahr mit schweren Maschinen gemäht werden und durch den Gebrauch von Insektiziden und Herbiziden, die Insekten abtöten, fehlt den kleinen Braunkehlchen die Nahrungsgrundlage – und nicht nur ihnen. Wichtige Schutzmaßnahme ist das spätere Mähen der Flächen, weil Braunkehlchen vergleichsweise spät im Jahr brüten. Eine weitere Maßnahme ist die Schaffung von „alternierenden” Brachestreifen. Das bedeutet, dass bestimmte Flächen für mindestens ein Jahr nicht genutzt werden, um wieder mehr Lebensraum für Insekten zu schaffen. (NABU

So traurig die schlechten Nachrichten vom Aussterben der Tiere um uns herum auch sind, so wichtig ist es auch zu betonen, dass etwas dagegen getan werden kann! An vielen Orten agieren Naturschützer*innen, als Anwält*innen der Tiere, hören hin und bemerken das leise Verschwinden der Braunkehlchen, Sumatra-Tiger oder der Haselmaus und setzen sich tatkräftig für deren Schutz ein. Und so kommt es neben dem vielen Sterben hin und wieder auch vor, dass manche Arten, ganz still und leise zurückkehren.

Auch hier in Schleswig-Holstein sind Tiere zurück gekehrt:

Die Sumpfohreule aus ihrem Lebensraum geschnitten.
Die Sumpfohreule

Die Sumpfohreulen (lat. Asio flammeus) leben keineswegs im Sumpf, sind jedoch trotzdem komische Käuze, da sie meist tagsüber aktiv sind und nicht nachts, wie die meisten ihrer Artgenossen. Sie werden auf der Roten Liste als vom Aussterben bedroht geführt. Doch letztes Jahr sind sie hier bei uns in Schleswig-Holstein wieder aufgetaucht. Circa 140 Tiere hielten sich im Kreis Dithmarschen auf. Der Grund: Die vielen Mäuse, die es aufgrund des milden Winters und des extrem trockenen Sommers 2018 gab. Eine große Gefahr für die Sumpfohreule, die ihre Nester ebenfalls am Boden baut, sind die Mähdrescher auf den Feldern. Um diese Gefahr einzudämmen, begaben sich Naturschützer*innen der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein auf die Suche nach Eulen-Nestern und baten die entsprechenden Landwirt*innen, ihre Heuernte zu verschieben. Und das taten sie auch. (Vogel und Natur)

Die Kegelrobbe aus der Ostsee geschnitten.
Die Kegelrobbe

Die Kegelrobbe (lat. Halichoerus grypus) wird auf der Roten Liste als stark gefährdet geführt. Die kugeligen Kegelrobben tummeln sich gerne in der Ostsee und am Strand, doch Mitte des 20. Jahrhunderts verschwanden sie aus unseren Küstengewässern und galten sogar als ausgestorben, bis sie sich in den 90er Jahren die deutschen Gewässer, so auch die Ostsee, zurück eroberten. Der Grund für den Rückgang der Population damals: Kegelrobben fressen kleinere bis mittelgroße Fische und stellten damit schlichtweg Konkurrenten für die Menschen dar, weswegen sie gejagt und getötet wurden. Durch ein Jagdverbot in den 1980er Jahren konnten sich die Kegelrobben nach und nach erholen und zurückkehren. Noch heute sind die Tiere vielen Fischern ein Dorn im Auge. 

Der Laubfrosch

Auch der Laubfrosch (lat. Halichoerus grypus) ist zurückgekehrt und quakt wieder freudig in kleinen Tümpeln. Er wird auf der Roten Liste als gefährdet geführt. Seit den 1960er Jahren ging der Bestand in Schleswig-Holstein immer weiter zurück. Gründe dafür waren beispielsweise die Stilllegung von Kleingewässern oder auch die Rodung der für Schleswig-Holstein typischen Knicks und Wiesen. Im Jahr 2008 begannen Naturschützer*innen alternative, geeignete Lebensräume zu suchen, während gleichzeitig die  laubgrünen Laubfrösche im Labor aufgezogen wurden. Diese wurden dann letztes Jahr ausgesetzt – mit Erfolg. Der Laubfrosch ist zurück in Schleswig-Holstein. (NABU Gruppe Eutin)

Dass einzelne Arten zurückkehren, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass viel zu viele weiter aussterben. Die Beispiele haben gezeigt, dass der Mensch andere Arten durch seine Ausbreitung und Naturaneignung vertreibt und tötet, aber sie haben auch gezeigt, dass Menschen die Möglichkeit haben zu handeln und nicht schweigend zuschauen müssen.

Artenschutz und strukturelle Veränderungen müssen Hand in Hand gehen!

Jede*r von uns kann Naturschutz bzw. Artenschutz betreiben: Wir können Insektenhotels im Garten oder auf dem Balkon anbringen oder artenreiche Blumenwiesen oder Blumenkübel pflanzen (Insekten mögen z.B. Sonnenblumen, Thymian, Salbei, Lauch oder Zwiebeln und wo viele Insekten sind, sind auch viele andere Tiere). Es ist auch gut, wenn wir seltener mähen, auf chemische Schädlingsbekämpfungsmittel verzichten und Vögel das ganze Jahr über füttern, aber richtig! Ein bisschen Wildwuchs im Garten ist auch nicht schlecht. Natürlich können wir auch Naturschutzstiftungen und Vereine unterstützen. (BUND)

Dinge die jede*r tun kann, um Haselmaus und Co zu schützen.

Aber besonders wichtig ist, dass langfristig strukturelle Ursachen verändert werden. Wir müssen unseren Lebensstil in Frage stellen und verändern. Konventionelle Landwirtschaft und Fischfang müssen in ihrer jetzigen Form abgeschafft werden. Wir müssen anders konsumieren, reisen, wohnen und essen und neue, bessere, solidarische und nachhaltige Strukturen schaffen. Und dann können wir endlich wieder hoffen, dass weder Tiger, noch Haselmaus auf der rote Liste landen und beide neben den Menschen friedlich ihr Leben leben können. 

Langfristig müssen strukturelle Ursachen für Artenverlust verändert werden.
Was das mit leise zu tun hat:

Das Aussterben von Tierarten hat sehr viel mit leise zu tun! Denn die Tiere verschwinden leise und unbemerkt. Unbemerkt und leise deshalb, weil es ein schleichender Prozess ist, der sich über Jahrzehnte vollzieht. Und weil das Sterben an sich meistens leise ist. Und kaum jemand hinhört. Deswegen berichten wir von trotzdem darüber!

Weiterführende Informationen:

Wer mehr über Naturschutz in Schleswig-Holstein erfahren möchte kann sich beim NABU Schleswig-Holstein oder bei der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein erkundigen.

Von anna-katharina

Anna liest sehr gerne Bücher, außerdem mag sie Filme und Konzerte. Sie macht sich viele Gedanken, um die Welt und was in ihr passiert. Um Antworten auf ihre Fragen zu finden, schreibt sie über Hintergründe und Zusammenhänge - insbesondere über Gerechtigkeits- und Naturthemen. An Schleswig-Holstein mag sie die Nähe zum Meer.

5 Antworten auf „Think Tiger, act Haselmaus! Wie geht es eigentlich den Tieren Schleswig-Holsteins?“

Leise und schleichend; und deshalb nur für die Willigen wahrnehmbar, vollziehen sich die Veränderungen um uns herum. Schön das es Menschen wie euch gibt, die darauf aufmerksam machen. Es müsste meines Erachtens nur LAUTER erfolgen. Macht weiter so, damit die Natur und das Klima eine Chance haben, von der letztendlich unsere Zukunft abhängt.
Herzliche Grüße aus Osthessen.
Darth Vader
P.S.
Die knapp 25 qm große Blumenwiese ist angelegt, und die Grünfläche ums Haus seit drei Wochen nicht gemäht.

Es ist sehr verständlich und mit guten Beispielen beschrieben, wie wichtig der Artenschutz ist und wie einfach wir einen konkreten Beitrag dazu leisten können

[…] dass es jemand mitbekommt? Wie kann es sein, dass gravierende Veränderungen unseres Ökosystems, wie das Verschwinden und Wiederkehren von Tierarten, quasi im stillen Wäldlein passieren? Oder hinter verschlossenen Türen. Tabuthemen bestimmen den Alltag vieler Menschen. Gesprochen wird […]

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