trotzdem

Trotz Grenzen

Text: Marie Sprute – Illustrationen: Laura Klein

„The only true borders lie between day and night,
between life and death, between hope and loss.“  

Erin Hunter

Diese poetische Wahrheit wirkt verheißungsvoll, verblasst aber schnell angesichts der Realität. Schließlich gibt es Grenzen zwischen Ländern, zwischen Menschen, Grenzen des sozialen Ausschlusses, Verhaltensgrenzen – sind die etwa weniger wahr? Gibt es unwahre Grenzen? Ja, und das Zitat deutet es an: Viele Grenzen sind Konstrukte und dadurch willkürlich. Sie sind da und gleichzeitig nicht da. Trotzdem haben sie eine unheimlich große Macht.

Die unsichtbaren Grenzen, die Nationalstaaten voneinander trennen, sind ein gutes Beispiel. Viele Grenzen sehen nämlich – vom Grenzübergang, mit all seinen Sicherheitsvorkehrungen für Schutz und Einschüchterung vielleicht mal abgesehen – aus wie Nichts: Da ist keine Linie auf dem Boden, wie in den Atlanten und Weltkarten, die in WGs an der Wand hängen. Um einen vermeintlichen Unterschied zwischen Hier und Dort spüren zu können, muss ich wissen, dass ich gerade über eine Grenze schreite. Vermeintlicher Unterschied deshalb, weil ich ihn ja oft nur spüre, weil ich meine, ihn zu spüren: „Jaja, hier ist es doch gleich viel hyggeliger – irgendwie so dänisch!“ – als ob. Und trotzdem haben Grenzen eben diesen Effekt, und sei es nur aufgrund der Wirkmacht sozialer Konstruktionen. Am deutlichsten spürbar wird der Effekt, wenn ich Grenzen missachte. Dann etwa, wenn ich ohne Befugnis versuche in ein anderes Land zu gelangen oder wenn die Oma findet, dass die grünen Haare ganz scheußlich aussehen. Also: Grenzen sind ambivalent und nicht immer sichtbar, schwer greifbar, vieldimensional, konstruiert und trotzdem alles andere als profan.

Gerade wegen ihrer Willkür und gleichzeitigen Wirkungskraft gibt es unglaublich viele starke Menschen, die Grenzen infrage stellen. Ihnen trotzen. Es könnte behauptet werden, dass es im Krieg einzig und alleine darum geht Grenzen zu trotzen. Das möchte ich bestreiten: Im Krieg geht es um das Verschieben von Grenzen. Um eine Neusetzung von Grenzen.

Grenzen zu trotzen bedeutet für mich aber nicht das Verschieben, sondern das Hinterfragen, das Überwinden und möglicherweise sogar das Auflösen von Grenzen.

An dieser Stelle kann ich dich förmlich die Augenbrauen hochziehen sehen und möchte deshalb betonen, dass nicht jeder Grenze getrotzt werden sollte. Denn es ist verdammt wichtig, persönliche Grenzen zu ziehen und zu verteidigen, wenn es beispielsweise um ausbeuterische Arbeitsverhältnisse oder einvernehmlichen Sex geht.

So fragt auch Dota in ihrem Lied ‚Grenzen‘:

Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?
Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, aber zwischen den Menschen.
Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt.

DOTA – Grenzen

Das Nachdenken über Grenzen begleitet mich nun schon eine Weile. Wenn ich Grenzen der Umgangsformen wahrnehme und mich in anderen Ländern versehentlich verhalte wie die letzte Tölpelin. Außerdem wohne ich jetzt schon das zweite Mal in einer Grenzstadt: Von der deutsch-österreichisch-tschechischen Grenze bin ich an die deutsch-dänische gezogen (Ist dir schon mal aufgefallen, dass das eigene Land bei solchen Adjektiven immer an erster Stelle steht?). Ich führe Beziehungen und Freundschaften über Grenzen hinweg — inklusive all der Schwierigkeiten, Ungerechtigkeiten und neokolonialen Strukturen, die da so mit Visa-Vergaben einhergehen — aber das ist ein anderes Thema.

Bemerkenswert, wie unterschiedlich sich ein und dieselbe Grenze für verschiedene Menschen anfühlen kann.

Deshalb habe ich mich ungemein gefreut, als ich entdeckt habe, dass sich auch der Museumsberg Flensburg in der Ausstellung Grenze, Grænse, граница. Grænselandsudstillingen in Flensburg künstlerisch mit dem Thema auseinandersetzt. Dafür haben sich Künstler*innen aus Dänemark, Russland und Deutschland assoziativ mit dem Thema auseinandergesetzt. Und ich – bei meinem Museumsbesuch schon ganz im Trotz-Modus – habe ihre Assoziationen dann wiederum mit dem Trotzen von Grenzen assoziiert.

Nun erscheint eine künstlerische Auseinandersetzung mit Grenzen erst einmal recht profan – vor allem im Vergleich mit denjenigen Menschen, die durch Flucht aus ihren Heimatländern, der Überschreitung von Grenzen in allen Dimensionen, diesen Grenzen tatsächlich körperlich trotzen. Eine künstlerische Auseinandersetzung weist aber auf die Thematik hin, regt zum Nachdenken an, ermöglicht neue Perspektiven und vor allem kann sie auch die Absurditäten aufzeigen. Letzteres hat mir besonders die Arbeit von Herschbach und Møller vergegenwärtigt. Mit Fotos und einer Installation thematisieren die beiden den kürzlich fertiggestellten, viel diskutierten, Wildschweinzaun, der entlang der dänisch-deutschen Grenze errichtet wurde.

Mit dem FRIKORPS DANNEBROG (Freikorps Danneborg) erschaffen sie eine Art Bürgerwehr der „guten“ Schweine, die versuchen die Grenze hermetisch zu schließen, um die „schlechten“ Schweine vom Eindringen abzuhalten. Auf ihrer Website heißt es: „Wir sind da, wo andere versagen. Wir haben nachts unsere Augen und unsere Informanten im Gebiet. Wir wollen eine Grenze, die den Namen Grenze verdient.“ Durch diese Zuspitzung gelingt es der – auf den ersten Anblick durchaus witzig anmutenden – Arbeit die Diskussion um den Wildschweinzaun zu dekonstruieren. Die Diskussion wird in all ihren problematischen und be-grenzenden, nationalistischen Dimensionen entlarvt.

Wie profund selbst ein so niedriger, für Menschen leicht überwindbarer Zaun auf die Wahrnehmung wirken kann, konnte ich feststellen, als ich einige Tage nach dem Ausstellungsbesuch bei meinem Spaziergang entlang der Förde plötzlich vor ebenjenem Wildschweinzaun stand. Der Ort, an dem ich am Sommer am liebsten picknicke, am Strand schlafe und schwimme – plötzlich von ‚meiner‘ Seite der Förde getrennt. Und das, obwohl 2020 das Jahr ist, in dem sich die Volksabstimmung zur deutsch-dänischen Grenze zum hundertsten Mal jährt, die über die staatliche Zugehörigkeit Nordschleswigs entschied. Ein solches Jubiläum sollte doch eher für gegenteilige Diskussionen genutzt werden. Deshalb meine Fragen zum Abschluss: Wie wollen wir mit dieser Grenze umgehen? Wollen wir das Jahr 2020 Nationalist*innen überlassen oder das Jahr für eine konstruktive Kritik nutzen? Aber auch: Was sind die Vorteile von solchen Grenzen – und gibt es überhaupt welche? Und vor allen Dingen:

Wie können wir Grenzen in ihren politischen, sozialen, mentalen und kulturellen Dimensionen trotzen?

Von marie

Marie fühlt sich bei Regen und Wind oft am lebendigsten. Die Bandbreite der großen und kleinen Themen des Lebens, die sie beschäftigten, ist genauso weit wie der nordische Horizont: Von Feminismus über globale Ungleichheiten, der Rolle von ländlichen Räumen und Landwirtschaft bis hin zu alternativen Lebensformen und Yoga ist alles – und noch viel mehr – dabei. Gemeinsamer Nenner? Wohl der Wandel.

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