trotzdem

Trotzdem noch nach Malle fliegen?

Text: Philipp Spiegel

Hin- und Rückflug zwischen Hamburg und Palma de Mallorca stoßen 734 Kilogramm CO2 aus, sagt der Rechner von atmosfair. Das entspricht etwa einem Drittel des jährlichen weltweiten Pro-Kopf-Budgets. Wir können mittlerweile ziemlich genau die, teils verheerenden, Folgen unseres Handelns abschätzen. Die immer größere Klarheit über diese Folgen trifft auf unsere Wertebasis, die dem oft diametral entgegensteht. Das zwingt uns dazu, mit kognitiven Dissonanzen durchs Leben zu gehen. Diese verkleiden sich als eine destruktive Form des trotzdem. Als ein trotzdem noch zum Ballermann fliegen oder trotzdem Billigfleisch essen, obwohl man ja weiß, wo das alles hinführt. Auf der einen Seite steht der emanzipative Trotz, der für eine progressivere Welt einsteht und kämpft – gegen Rassismus, Sexismus, Klassismus. Dem gegenüber steht dieser destruktive Malle-Trotz, der das eigene Privileg bewahren möchte.

Wenn das Bedürfnis, Sangria aus Eimern am Ballermann zu trinken, auf die berühmte schwedische Flygskam trifft, entwickeln wir Strategien, um uns nicht die ganze Zeit mit unserer dissonanten Weltbeziehung zu belästigen: Das kann sich darin ausdrücken, dass wir den Klimawandel anzweifeln, uns das Gewissen durch Kompensation und nachhaltigen Konsum erleichtern, Ablenkungsmanöver in Form von Greta-Bashing, Zynismus, Hedonismus, Aktivismus leben. Wir alle kennen diese Dissonanz und das destruktive trotzdem, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der wir durch Konsum, Mobilität, den Toilettengang und den Kinobesuch in Strukturen von menschlicher Ausbeutung und Naturzerstörung so eingewoben sind, dass wir uns ihnen nicht entziehen können.

Wie kann aus dieser Dissonanz eine Resonanz werden? Unter Resonanz wird hier eine Beziehung zur Welt verstanden, die nicht aus einer Steigerungslogik heraus Natur und Mensch kaputt macht, und so die Beziehungen zwischen Gesellschaft, Natur und dem eigenen Leben verstummen lässt. Eine Stimmgabel braucht einen Resonanzkörper, um zum Klingen gebracht zu werden. Wenn aber der nach Rindersteak lechzende Körper und die tierliebende Stimme immer weniger zueinanderfinden, verstummt der Klang. Und abseits des Individuums trifft eine Gesellschaft, deren Körper nach einer neuen Kohlemine in Australien lechzt, auf trauernde Stimmen, die über lebendig verbrennende Känguruhs und Koalas klagen. Es stellt sich die Frage, wie der destruktive Malle-Trotz in ein emanzipatives trotzdem verwandelt werden kann, im Sinne einer Befreiung aus der kognitiven Dissonanz.

Die Verwandlung wird nicht durch den vernünftigen Appell des Verzichts geschehen. Der ist zwar eine notwendige Lösung für ökologische Probleme, aber befreit uns nicht aus der kognitiven Dissonanz. Wir verzichten aus Verantwortung, verspüren aber weiterhin alte Bedürfnisse. Um diese zu verändern reicht natur- und sozialwissenschaftliche Information meistens nicht aus. Um zu einem resonanten Leben(sstil) zu finden, braucht der vernünftige Appell ethisch-ästhetische Weggefährten. Gedichte zu schreiben oder ein Instrument in die Hand zu nehmen, wird damit genauso zu einer Antwort, wie der Griff zum regionalen Bio-Apfel oder zum Fahrradlenker statt Steuerknüppel.

In einigen Projekten aus Federn von Künstler*innen und Vordenker*innen können diese Gedanken nachvollzogen werden: 

Zukunftswerkstatt: Musik und Klima

Vom 17.–19.01.2020 findet in Hamburg eine musikalische Zukunftswerkstatt statt, die sich der Frage widmet, inwiefern Klimaschutz auch eine kulturelle Aufgabe sein kann oder sogar muss. Kann aus Verzicht oder Verbot Verschönerung werden? Wie kann mit Musik und Kultur das Klimabewusstsein gefördert werden? Der Initiator der Zukunftswerkstatt schreibt:

„Wenn Vernunft nicht greift, wenn alle Warnungen und Mahnungen der Wissenschaft verpuffen, vielleicht vermag dann La Musica unsere ‚eisigen Gemüter‘ für den Schutz der Umwelt zu entflammen.“

Musik kann eine Sprache sein, um zwischen Logik und Emotion zu vermitteln, welche uns in durchrationalisierten Lebenswelten verloren geht. Sie kann uns zeigen, wie es sich anfühlt, wenn die Stimmgabel ihren Resonanzkörper findet. „Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“, sagte Victor Hugo. Eine Musik, die den Gegenstand ökologischer Probleme aufgreift, um das Unsagbare nicht zu verschweigen, kann vielversprechend sein, um Perspektiven zu erweitern. Sei es die Vertonung der Temperaturveränderungen in den letzten 200 Jahren für ein Streichquartett oder die Transformation von wissenschaftlichen Messdaten in Symphonien des Planeten. Die sinnliche Erfahrbarmachung abstrakter Messdaten trägt mindestens die Aufforderung in sich: Da draußen ist mehr als ihr selbst. Und ganz konkret macht sie den, nicht direkt erlebbaren, Klimawandel fühlbar.

Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten

You are here macht der Hillis Plot deutlich. Inmitten von Fliegenpilzen, Känguruhs, Walnussbäumen und Bakterien. Nicht über ihnen oder abgekoppelt von ihnen. (Foto: Norbert Miguletz)

Frankfurt am Main, Kunstverein, direkt am Römer – die Ausstellung Trees of Life läuft noch bis zum 16. Februar. Hier wird das menschenzentrierte Weltbild hinterfragt und der Mensch in einen Teil unter vielen des evolutionären Prozesses verwandelt. Am Eingang kommen die Besucher*innen nicht umhin, über den Hillis Plot zu spazieren. Eine kreisrunde Visualisierung dessen, wie Organismen, inklusive des Homo Sapiens, zueinander in Verbindung stehen. Mithilfe aktueller naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und vermittelt durch eine räumliche Darstellung wird dem Menschen durch den Hillis Plot sein Sonderstatus genommen, der ihm in früheren Darstellungen noch zugesprochen wurde. Etwa bei Ernst Häckel (1874), der den Menschen über Faultier, Eidechse und Amöbe einordnete. Der Hillis Plot ist idealtypisch für das Anliegen der Ausstellung, die hier ausführlicher rezensiert wurde.

So wie Strom nicht aus der Steckdose kommt entsteht auch das iPhone nicht im Media Markt. Die materielle Herkunft wird von den Künstler*innen von Studio Drift aufgeschlüsselt. Hier vom iPhone. (Foto: Norbert Miguletz)

Wir befinden uns mitten im sechsten großen Artensterben. Aber wann wird das schon erlebbar außerhalb von einer Nachrichtenmeldung am Rande? Vielleicht bei der Betrachtung beeindruckender Käfervielfalt von 1880. (Foto: Norbert Miguletz)

Die Audiovisuelle Installation Holobiont Society verknüpft Kapitalismus, Krieg und Mikroben. (Foto: Norbert Miguletz)

Der Keil, den die Aufklärung und von ihr geprägte Wissenschaften zwischen Mensch und die ihn umgebenden Ökosysteme und materielle Welt getrieben hat, wird am Frankfurter Römer ein Stück weit dekonstruiert. Wenn die Verbindung von Naturexponaten mit künstlerischen Interventionen in den Besucher*innen ein Gefühl von Resonanz aufbauen, werden diese mit einem veränderten Blick wieder in die Stadt eintauchen. Materialflüsse und Organismen, die vorher unsichtbar waren, betreten die Bühne. Hinter dem Vorhang erscheint die Geschichte der seltenen Erden des iPads, mit dem die Frankfurter Touristin am Tropenholztisch im Sushi-Restaurant die Bestellung aufgibt.

Science Fact und Science Fiction

Die Philosophin Donna Haraway dreht den Spieß der Vertonung von Klima und Co. um, und statt den Dingen eine menschlich verständliche Stimme wie die der Musik zu geben, gibt sie dem Menschen die Fähigkeit, die Dinge in ihrer eigenen Sprache zu verstehen.

Haraway ist eine Drahtseilkünstlerin, die zwischen barockem Sprachstil und fundierter Wissenschaft tanzt. Mit ihrem Konzept SF, einem Akronym, das sowohl für Science Fiction und Science Fact steht, betont sie die Rolle von Spekulationen, Utopien oder Imaginationen in den Wissenschaften, die ja typischerweise in Anspruch nehmen, die reale Gegenwart abzubilden. Da diese Abbildung aber scheinbar längst nicht mehr ausreicht, und allem Wissen kein Handeln folgt, will sie mit SF neue Wissenszusammenhänge ermöglichen.

In ihrem neuesten Buch Unruhig bleiben – Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän erzählt Haraway die Geschichte von Camille: Diese wächst in einer Gesellschaft auf, in der alle neugeborenen Menschen durch Gentechnologien und wissenschaftliche Fortschritte der Lebenswissenschaften eine Symbiose mit einer bedrohten Tierart eingehen. Camille teilt verschiedene Eigenschaften des nordamerikanischen Monarchfalters. Sie kann beispielsweise Nektarquellen wahrnehmen. Die landwirtschaftlichen Monokulturen und Zerstörungskraft von Monsantos Herbiziden erlebt sie so aus einer grundlegend neuen Perspektive. Haraway lehrt uns durch die Abstraktion der Erzählung, über Veränderbarkeit von Zukünften nachzudenken, ist dabei weder technikpessimistisch noch technikoptimistisch, sondern herrschaftskritisch und kritisch-utopisch. Man liest das Buch auch noch gern, schreibt sie doch wie eine virtuose Wissenschaftlerin.

Neil Harbisson ist farbenblind und hat sich in einen echten Cyborg verwandelt. Mithilfe von Technologie sind Farben für ihn hörbar, genauso wie für Camille der Nektar wahrnehmbar ist und die Klimasymphonie den Klimawandel vertont. (Foto: Neil Harbisson auf flickr)

Die Abstraktion und Unklarheit macht den Reiz des Künstlerischen aus. Im Gegensatz zur Wissenschaft können hier Zwischentöne besser Platz finden, Ambivalenzen werden nicht negativ ausgelegt und inhärenter Widerspruch ist wünschenswert. Kunst kann das vernünftige Gefühl des Verzichts in ein Gefühl der Befreiung und gleichzeitig der resonanten Verbindung verwandeln. Wie Tocotronic singt:

Pure Vernunft darf niemals siegen
Wir brauchen dringend neue Lügen
Die uns durchs Universum leiten
Und uns das Fest der Welt bereiten

Fotografien: Norbert Miguletz, Neil Harbisson; Titelbild: Paweł Czerwiński

Von philipp

Philipp findet spannend, wie sich Superreiche auf die Apokalypse vorbereiten.
Er entwickelt gerne Rätsel und würde gerne mal eine Reise machen, auf der er jede Entscheidung einem Münzwurf überlässt.

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