Fehmarnbeltquerung

So was von 2008! Müssen wir denn immer noch wachsen?

Ein ganz persönliches Fazit zum Tunnel durch den Fehmarnbelt von Anja Albrecht, Jonas Drilling, Aaron Gralla & Till Mayer

Nach den vier Artikeln, den vielen komplexen Zusammenhängen und den scheinbar überall schwelenden Konflikten heißt es erst einmal – durchatmen, bevor es heute mit den Verhandlungen losgeht. 

Als Autor*innen und Studierende haben wir uns intensiv mit dem Tunnel durch den Fehmarnbelt beschäftigt, mit kleinen und großen Fragen darum herum, mit Für und Wider. Was ist nach all dem unsere Meinung? Wie beurteilen wir die Fehmarnbeltquerung? 

Wie schwer uns die Einschätzung, trotz der ausführlichen Auseinandersetzung, immer noch fällt, hat uns alle überrascht. Vor Ort sind die Menschen größtenteils entweder klar für oder gegen den Tunnel. Die Meinungen der lokalen Bevölkerung sind emotional stark aufgeladen und entsprechend hitzig werden auch die Debatten geführt. Gleichzeitig erscheint es bei den Rahmenbedingungen des Tunnels fast logisch, dass es hier mehr braucht als ein Ja oder Nein. Doch die Fronten zwischen den beteiligten Akteuren sind an vielen Stellen derart verhärtet, dass selbst Kompromisse kaum noch realistisch erscheinen. Vielmehr verstärken sich die konträren Positionen wie ein Echo selbst.

Anja gibt in ihrem Artikel eine Einführung und erklärt, wie das Infrastrukturgroßprojekt bisher geplant ist und umgesetzt werden soll. 
Till betrachtet eine höhere Ebene und beschreibt, wie genau eigentlich die EU mit in der ganzen Sache hängt. Schon mal vom T-ENT Netzwerk gehört?
Jonas blickt auf Deutschland und Dänemark. Die beiden Länder sind Nachbarn und doch in vielem ganz anders.
Im Artikel von Aaron wird es hypothetisch, aber nicht unrealistisch. Was passiert eigentlich, wenn das Bauprojekt abgeblasen wird und was wären Konsequenzen?

Die Frage, ob der Tunnel gebaut wird, scheint bereits beantwortet zu sein; ein Baustopp durch die Klagen auf deutscher Seite ist eher unwahrscheinlich. Unabhängig davon ist es notwendig, einen eigenen Standpunkt zu bilden, denn die Querung ist letztlich einer von vielen Kristallisationspunkten der großen Frage: Wie wollen wir in Zukunft leben?

Das Thema Wachstum und die Kritik daran – vor dem Hintergrund der Klimakrise und der massiven Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlage für kommende Generationen – hängt wie eine Gewitterwolke über den vier Artikeln.

Das Ziel des Großprojektes ist die schnellere Verbindung zweier Metropolregionen und Nationalstaaten – zum Zweck wirtschaftlichen Wachstums auf beiden Seiten. Wenn wir nun, vor dem Hintergrund der Diskussion um Postwachstum und mögliche Ansätze für ein neues Wirtschaftssystem, auf diese Umstände blicken, dann wirkt die Idee eines Tunnels veraltet. Und ja, diese Sichtweise beeinflusst durchaus, ob man sich über zwei Stunden weniger Fahrtzeit zwischen Hamburg und Kopenhagen wirklich freut. Dieses Wissen ist es, das uns dazu bewegt, die Idee einer festen Fehmarnbeltquerung in ihrer jetzigen Form abzulehnen oder zumindest in Frage zu stellen. 

Unsere Denkmuster sind nichts Statisches – sie werden sich immer weiter entwickeln. Bereits heute ist der Blick auf die Fehmarnbeltquerung ein anderer als 2008, das Jahr, in dem der Start des Projekts besiegelt wurde. Wie wird er in rund zehn Jahren bei der Eröffnung des Tunnels sein? 

Großprojekte wie die Fehmarnbeltquerung und ihr Hauptargument, dass damit das Wirtschaftswachstum steige, werden immer kritischer gesehen. In Zukunft werden wir nicht umhinkommen, abseits der heute üblichen Muster zu denken. Jetzt ist das vielleicht noch mühsam, aber wird es auch noch so sein, wenn die gigantischen Bauarbeiten abgeschlossen sind? Oder ist es dann schon so, dass wir gar nicht anders können, als in unser Denken den Klimawandel und das Konzept des Postwachstums miteinzubeziehen?

Demnach erweist es sich auch als wahrscheinlich, dass wir in zehn oder zwanzig Jahren zurückblicken und uns fragen, warum wir eigentlich diesen Tunnel gebaut haben, warum wir das ganze Geld und die viele Mühe nicht anderweitig, sinnvoller eingesetzt haben. Werden wir dann auf den Tunnel blicken und uns fragen, warum wir das nicht gleich haben sein lassen? 

Mit Sicherheit können wir es als Autor*innen an dieser Stelle natürlich nicht sagen, aber der kritische Blick auf Wachstum an sich zeigt uns zumindest, warum wir von der Idee der Querung nicht so richtig überzeugt sind.

Die feste Fehmarnbeltquerung

Die Fehmarnbeltquerung ist ein Infrastrukturgroßprojekt mit dem Potenzial Menschen und Länder zu verbinden. Während die einen die (wirtschaftlichen) Vorteile betonen, kritisieren die anderen die für den Bau notwendigen, beträchtlichen Eingriffe in das Ökosystem.

Von redaktion

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